Sport : Im hellblauen Himmel

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Von Martin Hägele

Saitama. Marc Wilmots nennen sie auf Schalke liebevoll „das Kampfschwein“, und in der belgischen Nationalmannschaft geht er als Kapitän voran. Und kaum einer kann länger und schöner über sein Spiel reden. Wenn ihn die japanischen Ordner nicht aufgefordert hätten, endlich in den Bus zu steigen, würde er wohl jetzt noch in der Interview-Zone des Saitama-Stadions stehen und von den drei schönsten Toren seines Lebens erzählen: der 30-Meter-Knaller gegen Inter beim Uefa-Cup-Endspiel 1997 in Mailand, der phantastische Schlenzer vor drei Wochen im Stade de France, was die erste Heimniederlage des Weltmeisters auf dessen heiligem Boden bedeutete, und dann dieser Fallrückzieher gegen Japan. Nach diesem 1:0 im Auftaktspiel der Gruppe H schien das Turnier für den Gastgeber beendet zu sein.

Von solch einem Schock erholen sich nicht viele Teams. Für die „blue army“ aber war das akrobatische Kunststück des belgischen Vorturners das Signal, nun endlich mit der WM zu beginnen. Und auch für Wilmots begann nun ein Erlebnis, für das es sich gelohnt hatte, 33 Jahre alt zu werden und elfmal auf dem Operationstisch zu liegen und sich trotzdem noch in die gegnerischen Strafräume zu hauen. „Dieser Sieg über mich selbst“, wie Wilmots das selbst nennt, hat ihm nun diesen Traum ermöglicht: „Vor solch einem Publikum zu spielen, das gibt es normal nicht.“ Die Kulisse, ein brodelndes blaues Meer aus Zuschauern, aber trotz all nationaler Leidenschaft, unglaublich fair. Als „Young Nippon“ hat Japans französischer Nationaltrainer Philippe Troussier versucht, die Atmosphäre zu beschreiben. Auch sein ergrauter wallonischer Kollege Robert Waseige hatte einen vergleichbaren Lärmpegel noch nie durchgemacht. „Das Publikum war der zwölfte Mann Japans, aber immer anständig.“ Ohne diese Hilfe wären wohl kaum solche Emotionen freigelegt worden, wie sie die Hausherren nun zeigten. Offenbar funktionieren die japanischen Fußballer ähnlich wie die Autos, die sie exportieren. Nur mit Vollgas laufen sie richtig. Vor allem ein kleines, leicht stämmiges Kerlchen trat das Gaspedal fast durch das Bodenblech. Junichi Inamoto trieb sich und seine Kameraden an, und innerhalb einer Viertelstunde war Japan auf den ersten WM-Erfolg seiner Geschichte programmiert. Suzukis Ausgleich ließ der 22-Jährige von Arsenal London einen Sololauf und einen wuchtigen Schuss folgen. Die belgischen Abwehrspieler und Torwart de Vlieger sahen ohnmächtig zu.

Dass sich Inamoto aber auch auf engstem Raum und ohne Respekt vor riesigen Kerlen durchsetzen kann, führte er sechs Minuten vor dem Abpfiff vor. Er holte sich die Kugel aus der Überzahl und dem Gewirr von roten Beinen, unwiderstehlich erwies er sich bei diesem Gestochere, bis der Ball schließlich doch noch im Netz lag. Sogar belgische Journalisten hatten nicht gesehen, was bei diesem Kraftakt nicht regelgemäß hätte sein sollen – nur der Schiedsrichter Mattus aus Costa Rica hatte irgendwo in dieser Nahkampfszene ein Foulspiel des Torschützen festgestellt. Weshalb es nichts geworden ist mit den ersten drei Punkten einer japanischen Nationalelf bei der zweiten WM-Teilnahme. Verdient wären sie ja schon gewesen. Japans Trainer sprach später trotzdem von einem historischen Punktgewinn. Noch wichtiger aber sei der Stil gewesen, „mit dem wir uns ins Spiel gekämpft haben“. Denn daraus, so der Franzose, entstehe Selbstbewusstsein.

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