Sport : Im Hemde des Gegners

Wolfram Eilenberger

Wenn das Spiel aus ist, dann besinnt ein echter Profi sich aufs Tauschen. Da stehen sie dann, wie immer zitternd im Blitzgewitter, haben sich erst gehalten, dann gezogen, erst gezwickt und dann gekratzt, einander ausspioniert, tief geschlagen, sich getreten und beleidigt, gar bespuckt; haben sich im Schweiße ihres Angesichts das Leben so richtig zur Hölle gemacht. Nach einem lächerlich lang gezogenen Pfiff aber grinsen sie einander an, geben sich wie zum Scherz die Hand, entledigen sich ihrer ekelhaft verschwitzten Leiblein, tauschen sie zügig und ohne Misstrauen aus und streifen sich das Hemd des Gegners daraufhin ungewaschen über den blanken Körper.

Faszinierend ist dies Schauspiel ja allemal. Aber seien wir ehrlich, auch der Trikottausch hatte in letzter Zeit an Symbolkraft eingebüßt. Gern sah man zwar nicht zu, wie Ronald Koeman anno 88 nach dem EM-Halbfinale mit dem deutschen Leibchen sein Hinterteil säuberte. Klein war das und dumm und ehrlich - extrem unprofessionell also. Mit seiner Geste bewies er aber auch, dass es für einen wie ihn alles andere als egal ist, welches Hemd er sein Eeigen nennt.

Vielleicht ahnte er damals schon, was er als Kotrainer jener Ajax-Mannschaft, die zwei lange Jahre im Trikot des FC Barcelona durch Europa schlich, am eigenen Leibe erfahren musste. Dass die Stunde nämlich, in denen es den Spielern gleichgültig wird, für welche Farben sie auflaufen, eine Art Ende des Fußballs bedeutet. Schwer steuerbare Individuen sind sie geworden, die Herren Kluivert und Konsorten. Denn in genauer Kenntnis ihres globalen Wertes streifen sie sich bei Nicht-Gefallen oder Nicht-Bezahlung schon am nächsten Samstag ein anderes Leibchen über.

Auf Seiten des im Sommer weithin bankrotten Fußballmarktes hatte man angesichts dieser Übermacht des Global Players vor dem System gar die Notbremse gezogen: Kaufen war out, man tauschte die Spieler. Selbst die vergleichsweise solide Hertha sah sich unlängst zum kollektiven Triktottausch gezwungen. Weil es Otelo plötzlich nicht mehr gab, musste mit einem Mal Arcor auf jedem Berliner Hemdchen stehen. Alle Mann Trikot wechseln, hieß es da. So schnell ging das, da kam keine Fanbörse mit - im nun lumpigen Otelo-Hemd muss man sich bei Auswärtsspielen seitdem verhöhnen lassen.

Wie anders früher, also vor den Zeiten des kollektiven Rotierens. Als seltene Ehrbezeugung nach fairem Spiel war der Trikottausch gemeint. Angeboten vom Siegreichen natürlich, der dem Unterlegenen so zeigt, dass er ein würdiger Gegner in einer würdigen Partie war. Schöner noch, die ehrliche und seltene Geste des Trikottausches ließ etwas von der Einsicht in die fatale Zufälligkeit der eigenen Position erkennen. Man tauschte sich aus in der Einsicht, dass "Du" in diesem großen Spiel auch "Ich" hättest sein können. So wird der dumme zum schönen Zufall, und im grimmigen Anderen zeigt sich ein mögliches Selbst.

Für derlei heilsame Sentimentalitäten fehlt heute allein schon die Zeit. Wie man im Spiel Dortmund - Leverkusen beobachten konnte, sind gewitzte Naturen vom Schlage eines Amoroso deshalb dazu übergegangen, bereits in der Halbzeitpause den Trikottausch anzustreben. Tatsächlich weiß man als Champios-League-Ass ja nie, ob man volle 90 Minuten ran darf. Außerdem gibt es auch Borussia Dortmund mittlerweile an der Börse zu kaufen. Wie sollte man da sicher sein, dass es den Verein am Ende des Spiels überhaupt noch gibt?

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Angesichts dieser unguten Beschleunigung des Leibchen- und Seelenmarktes kann man den Schelmenstreich einiger mutiger Hertha-Fans im fernen Norwegen gar nicht genug würdigen. Im besten Stile der Globalisierungsgegner drang man letzten Dienstag in die offen stehende Kabine von Viking Stavanger ein und wurde so des gesamten Trikotsatzes des Gegners habhaft. Mehrere Stunden vor Spielbeginn, wohlgemerkt. Deutlich machen sollte die konzentrierte Aktion, wie leicht es doch auch für die mitgereisten Fans im Prinzip wäre, sich - ganz im Stile ihrer Helden - selbst wenige Stunden vor Spielbeginn einfach einem anderen Verein zuzuwenden, sich ein anderes Leibchen überzuziehen und dabei noch so zu tun, als ob gar nichts geschehen wäre.

Als die Austragung des Uefa-Cup-Spiels wegen manifester Trikotlosigkeit der Norweger ernsthaft gefährdet war, hatte man die wahre Bedeutung des Trikots für das Spiel aller Welt deutlich gemacht. Man gab sie also zurück. Echtes Interesse an den Leibchen der Norweger hatte von Seiten der Aktivisten sowieso nie bestanden. Schließlich steckt in jedem wahren Fan ein kleiner Ronald Koeman. Getauscht wird nicht. Und zum Abwischen hat der Hardcore-Herthaner mittlerweile ja das alte Otelo-Trikot, Nummer 26.

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