Sport : Im Jetzt angekommen

Der FC Bayern hat die alte Ära Hitzfeld durch den Titelgewinn endgültig hinter sich gelassen

Daniel Pontzen[München]

Irgendwo zwischen Kaiserslautern und München brummten am späten Samstagnachmittag die Handys der Bayern-Spieler, eines nach dem anderen. Einige waren da schon ein bisschen erschöpft, die Feiern auf dem Platz und im Bus zum Flughafen hatten Kraft und Stimme gekostet. Die Biene Maja und andere Glanzstücke der Musikhistorie hatten die ausgelassene Szenerie untermalt, wobei Lucio unentdeckte Sängerqualitäten bewies und Willy Sagnol in Koproduktion mit Bixente Lizarazu ein munteres Heimvideo drehte. Nach der Landung zog die fröhliche Schar weiter ins „Seehaus“ im Englischen Garten, und die SMS, die einige von ihnen erhalten hatten, wird in jenem Moment so etwas gewesen sein wie der Gruß aus einer fernen Vergangenheit. Herzlichen Glückwunsch zur Meisterschaft stand auf den Displays. Absender: Ottmar Hitzfeld.

Der Schatten des ehemaligen Trainers ist lang, und einige Male in der zu Ende gehenden Saison schien er die Bayern einzuholen. Spätestens am Sonnabend aber begann eine neue Ära, denn die 19. Deutsche Meisterschaft des FC Bayern war zugleich eine erste, es war die Emanzipation Felix Magaths in seiner neuen sportlichen Heimat – dafür, das wusste er schon bei Vertragsunterzeichnung, war ein Titel nötig. Mit dem 4:0 in Kaiserslautern war nun also auch der formale Beweis erbracht, dass Mannschaft und Trainer zusammenpassen, und die Hauptbeteiligten ließen in ihren Interpretationen deutlicher denn zuvor die Hoffnung anklingen, dass sich aus der Verbindung Felix Magath/Bayern München eine ähnlich ertragreiche Liaison entwickeln könnte wie mit dessen Vorgänger. Diese Zuversicht war keineswegs immer so groß, auch das war eine Botschaft des Abends.

„Felix Magath hatte große Überzeugungsarbeit zu leisten, dass das, was er tut, andersartig ist als bei seinem Vorgänger und trotzdem erfolgreich sein kann“, sagte Kapitän Oliver Kahn am Rande des Banketts. Es habe innerhalb der Mannschaft durchaus Zweifel an den Methoden des neuen Chefs gegeben, „da sind Welten aufeinander geprallt“, sagte Manager Uli Hoeneß, der wegen eines Auftritts im Sportstudio auf die Feier verzichtete. Dann habe es „ein ganz schönes Gewitter“ gegeben, doch „jetzt, wo die Spieler merken, dass sich etwas verändert, dass sie auch am Ende der Spiele noch laufen können und dadurch Spiele gewinnen, haben sie zueinander gefunden“, sagt Hoeneß. Erst nach der Vorrunde sei das gewesen, erst da „hat der Trainer die Mannschaft überzeugt“, sagt Kahn.

Karl-Heinz Rummenigge dagegen war sich nach eigener Auskunft schon früh darüber im Klaren, dass Magath den notwendigen Paradigmenwechsel erfolgreich würde gestalten können. Nachdem der Vorstandschef in seiner Rede ausführlich aus dem Glückwunsch-Fax des „Mittelstürmers vom TuS Talle“ zitiert hatte (dabei hat Bundeskanzler Schröder seine aktive Karriere beendet), rühmte er Magaths „Philosophie der Ordnung, der Disziplin und auch der Fitness“. Auf große Ankündigungen für die Zukunft verzichtete Rummenigge diesmal in weiser Gewissheit, Kollege Hoeneß formulierte vorsichtig: Ziel sei es, „uns nachhaltig in Europas Spitze zu etablieren, unter den ersten fünf, sechs Teams“.

Oliver Kahn traut der Mannschaft eine noch weiter gehende Entwicklung zu. 2001 habe Bayern die Champions League mit einer Mannschaft gewonnen, „die sich über Jahre hinweg kontinuierlich auf ihren Zenit zubewegt hat. Und das, glaube ich, ist momentan auch der Fall, weil wir eine Reihe von Spielern haben, die noch einen Schritt machen können“. Beim Gewinn des nächsten Titels, nach Vorstellung der Bayern schon am 28. Mai im DFB-Pokalfinale gegen Schalke, würde der Torwart dann auch wieder leibhaftig dabei sein, nachdem er auf den Trip nach Kaiserslautern wegen seiner Daumenverletzung verzichtet und das Spiel bei seinem Cousin von der Fernsehcouch aus verfolgt hatte.

Später in der Nacht hockte der Kapitän auf einem Polsterwürfel auf der Terrasse des P1 und schlürfte in Ruhe einen Drink, neben ihm saß seine Freundin, von den Mitspielern, die sich nach Ende der offiziellen Feier in die Diskothek hatten kutschieren lassen, war wenig zu sehen. Allzu wild war die Party nicht mehr, drinnen wackelte Hasan Salihamidzic munter zu hartem Bass, einige hatten sich schon auf den Heimweg gemacht. Das überraschte ein wenig, an mangelnder Fitness und Ausdauer zumindest hat es nicht liegen können, und Felix Magath hatte für das Feiern dieselbe eisenharte Disziplin eingefordert, die er sonst auf dem Platz sehen will. In Ausnahmefällen, so scheint es, widersetzt sich die Mannschaft doch noch seinen Anweisungen.

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