Sport : Im kalten Niemandsland

Die Eisbären bereiten sich in Schweden auf die neue Saison vor

Claus Vetter

Tyringe. In Tyringe gibt es eine Pizzeria, einen Gemischtwarenladen, eine Eishalle und ein Kurhotel. Nach Angaben des freundlichen Herrn von der Rezeption des lokalen Gästehauses leben 4000 Menschen im Örtchen. Rund 100 Kilometer nordöstlich von der Hafenstadt Malmö bietet der Spätsommer kein romantisches Bild. Es ist kalt und es regnet, fast immer. Zwei Wochen vor dem Saisonstart in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) trainiert der EHC Eisbären Berlin in der schwedischen Provinz.

Vergangenes Jahr verbrachten Trainer und Team einen Teil der Vorbereitung in London – der Ablenkungsfaktor war groß. Zu groß? „Nein“, sagt Trainer Pierre Pagé. „Tyringe ist Zufall, Schweden nicht. Ich wollte hier unbedingt ein paar Spiele absolvieren.“ In Schweden, findet Pagé, wird das beste Eishockey Europas gespielt. Allerdings wohl nicht im „Tyrs Hov“, der Eishalle von Tyringe. Zauberhaftes Eishockey ist in der tief temperierten Halle kaum möglich. Ivon Corriveau hat eine Verletzung im Finger und dreht beim Training ein paar Runden ohne Handschuh. „Verdammt, viel zu kalt“, brüllt der Kanadier.

Am Donnerstagabend, beim Spiel gegen den schwedischen Erstligisten Malmö IF, drängen 800 Zuschauer in die Dorfhalle. Draußen im Berliner Fanbus gibt es Bier, das es drinnen nicht zu kaufen gibt. 50 Eisbären-Fans sind begeistert. In der Halle gibt es Probleme: Malmö hat wie die Eisbären nur einen Satz Trikots dabei: Schwarz gegen Dunkelblau? Nein! Die Berliner müssen die weißen Hemden von Drittligist Tyringe überziehen. Als dann vor dem Spiel die deutsche Nationalhymne über den betagten Lautsprecher krächzt, ertönt die erste Strophe des Textes von Hoffmann von Fallersleben. Die Berliner Spieler sind peinlich berührt.

„Das kannst du eigentlich niemandem erzählen“, sagt einer. „Ich hätte mich sofort wieder hinsetzen sollen“, sagt ein anderer. Doch sie haben nach dem – so unverständlichen wie unbeabsichtigten – Fauxpas der Organisatoren gespielt und trotz Überlegenheit 3:4 verloren. Falsche Trikots, falsche Hymne, falsches Spiel: Pierre Pagé ist sauer und beruhigt sich erst am nächsten Tag. Es geht ja in Trainingsspielen nicht um Ergebnisse, sondern um Erkenntnisse. „Letztes Jahr hat unsere Konzentration in der Vorbereitung auch nur für anderthalb Drittel gereicht“, sagt er. „Wenn es richtig losgeht, wird das anders.“

Vergangene Saison stürmten die Eisbären nach verkorkster Vorbereitung an die Tabellenspitze. Nur war damals die Personalsituation besser: Sven Felski und Jeff Tomlinson fallen bis Oktober aus, Corriveau noch vier Wochen. Ricard Persson brach sich einen Finger, Steve Walker erlitt eine Rückenprellung, Mark Beaufait erlitt eine Oberschenkelprellung. Das Testspiel (0:2) am Freitagabend gegen den lokalen Zweitligisten Rögle beendeten die Eisbären mit neun Feldspielern.

Traurig waren beim Abschied von Tyringe am Samstag bei den Eisbären wohl nur wenige. Zumindest einem Teilnehmer der Berliner Reisegruppe war im Kurhotel wohlig zumute. „Vor dreißig Jahren war ich hier schon mal, mit Dynamo“, sagte Eisbären-Kotrainer Hartmut Nickel. „Das sieht hier alles noch so aus wie damals.“ Wirklich? „Na gut, die haben die Wände gestrichen.“ In Avocadogrün und Ocker übrigens.

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