Sport : Im Kopf des Gegners

Novak Djokovic setzt seine atemberaubende Serie bei seinem US-Open-Sieg gegen Rafael Nadal fort

Petra Philippsen[New York]
Und am Ende gewinnt immer der Serbe. Nadal (vorne) wehrte sich gegen Djokovic nach Kräften, hatte aber keine Chance. Foto: dapd
Und am Ende gewinnt immer der Serbe. Nadal (vorne) wehrte sich gegen Djokovic nach Kräften, hatte aber keine Chance. Foto: dapdFoto: dapd

Rafael Nadal lässt sich nicht gerne in die Karten schauen. Und in seinen Kopf schon gar nicht. Was er vor und während eines Matches durchlebt, wie sein innerer Kampf aussieht und ob auch er Zweifel kennt, darüber mochte der Spanier nie so recht Auskunft geben. Lieber soll die Aura der Stärke und des unbezähmbaren Willens, die ihn auf dem Platz stets umgab, weiter erhalten bleiben. Doch in diesem Jahr hat diese Aura einen Riss bekommen, und das ist das Werk von Novak Djokovic. Nadal wirkte nach dem Endspiel der US Open nun zum ersten Mal frustriert und ratlos, ja fast hilflos, und gestand auch ein: „Novak ist in meinem Kopf.“ Der Spanier findet einfach keine Antworten mehr auf den Serben, der eine absolute Ausnahmesaison zelebriert.

Vier Stunden und zehn Minuten hatte es am Montag in Flushing Meadows gedauert, dann stemmte der Weltranglistenerste erstmals die Trophäe gen New Yorker Abendhimmel. Djokovic hatte nach den Australian Open und Wimbledon seinen dritten Grand-Slam-Titel in einer Saison gewonnen, in der er scheinbar unbezwingbar ist. 64 Siege bei nur zwei Niederlagen sind mehr als außergewöhnlich. „Es klingt alles so unwirklich, aber es ist ein unglaubliches Gefühl“, sagte Djokovic nach seinem 6:2, 6:4, 6:7 und 6:1-Triumph, „ich hatte ein unbeschreibliches Jahr – und es geht immer noch weiter.“

Djokovic ließ im Arthur-Ashe-Stadium keinen Zweifel daran, dass er derzeit der beste Spieler der Welt ist. Mit einer taktischen Meisterleistung, perfekter Präzision und einem unerschütterlichen Selbstvertrauen trieb der 24-Jährige Nadal an dessen Limit. „Das war mein bestes Match in dieser Saison“, sagte Djokovic, der das spanische Kraftpaket schon im Finale von Wimbledon bezwungen und ihn damit vom Thron der Weltrangliste gestoßen hatte. „Das war mein schlechtestes Match gegen ihn“, hatte Nadal damals gesagt. Im All England Club war es das fünfte Mal gewesen, dass er Djokovic in dieser Saison in einem Finale unterlag – und diese Serie verunsicherte Nadal mehr und mehr. Besonders die Tatsache, dass sein Kopf nicht mitspielte. „Es gab Momente, in denen ich nicht zu 100 Prozent an den Sieg geglaubt habe. Das ist ein riesiges Problem.“

Auch in Flushing Meadows waren seine Zweifel nun zu spüren. Dabei versuchte Nadal alles, was ihm möglich war. Er rannte fast wie um sein Leben, doch Djokovic hatte immer die bessere Antwort. Die beiden lieferten sich vor 24 000 berauschten Zuschauern Ballwechsel auf atemberaubenden Niveau, sie hämmerten den Ball oft 22, 25 oder gar 27 Mal über das Netz. Bei Nadal nahm der Frust jedoch zu, in den ersten beiden Sätzen hatte er jeweils mit 2:0 geführt, doch Djokovic kam immer zurück. Dass Nadal insgesamt elf Mal seinen Aufschlag abgab, war ihm in seinen 143 Grand-Slam-Partien zuvor noch nie passiert. Nadal kämpfte noch wie ein Besessener, als er schon mit 0:2-Sätzen und 5:6 zurücklag und Djokovic, zumal offenbar am Rücken verletzt, kurz wackelte. Es sollte nicht reichen.

Djokovic führt seine mentale Stärke auf ein Match im vergangenen Jahr zurück. Im Halbfinale der US Open 2010 hatte er Roger Federer nach Abwehr von zwei Matchbällen noch niedergerungen, danach habe es „klick“ gemacht. Seit diesem Augenblick wisse er, dass er die Besten in den großen Partien schlagen könne, es sei der Wendepunkt seiner Karriere gewesen. „Am Ende spielt sich alles nur im Kopf ab“, sagte Djokovic, „es geht nur darum, wer mit dem Druck besser umgeht und wer seine Chancen eiskalt nutzt.“ Bisher war Nadal der Beste darin gewesen, doch im Moment hat er seinen Meister gefunden.

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