Sport : Im Kopf stabil

Hertha BSC ist auf fremde Hilfe angewiesen – trotzdem ist der Verein zuversichtlich, dass er noch Platz drei oder zwei erreicht

Stefan Hermanns

Berlin - Dieter Hoeneß ist ein Mann, auf dessen Wort Verlass ist. Deshalb wird der Manager von Hertha BSC am Sonntag auf jeden Fall tanzen gehen. Herthas Mittelfeldspieler Marcelinho hat bereits einen Tisch in seiner brasilianischen Stammkneipe reserviert. Schon vor einiger Zeit hatte Hoeneß versprochen, dass er Marcelinho einmal zu dessen üblicher Sonntagabendgestaltung begleiten werde – falls Hertha einen Startplatz im Europapokal erreicht. „Da freue ich mich auch schon drauf“, sagt Hoeneß. Am vorigen Wochenende hat sich der Berliner Fußball- Bundesligist die Teilnahme am Uefa-Cup gesichert. Ob es am Sonntag ein richtig rauschendes Fest wird, hängt zu großen Teilen auch davon ab, ob Hoeneß mit einer weiteren Voraussage Recht behält: dass entweder Schalke oder Stuttgart im letzten Saisonspiel noch straucheln wird.

Inzwischen will Hoeneß lieber nicht mehr von der Konkurrenz sprechen, weil ein wenig der Eindruck entstanden ist, als wäre Herthas Sieg gegen den Tabellenzehnten Hannover 96 nur noch Formsache. „So denke ich nicht“, sagt Trainer Falko Götz. Trotzdem ist in dieser Woche von Berlin das Signal uneingeschränkten Optimismus’ ausgegangen. Herthas früherer Torhüter Gabor Kiraly, der in dieser Woche bei seinem alten Arbeitgeber mittrainiert hat, sagt: „Die schaffen das, hundertprozentig.“ Nicht einmal der Zustand des Rasens im Olympiastadion schmälert die allgemeine Zuversicht. Gestern Abend liefen 5500 Turner zum Abschluss des Turnfestes über den Platz, ein Teil des Rasens wurde in der Nacht neu verlegt. „Unserem Kombinationsspiel kommt das sicherlich nicht entgegen“, sagt Niko Kovac. „Aber wir haben die ganze Saison auf einem schlechten Rasen gespielt.“

Allem Optimismus zum Trotz überlegt Götz, ob er heute in seiner Abschlussbesprechung eher auf die Risiken der Situation eingeht. Das Endspiel um den Uefa- Cup am Mittwoch hat ihm gezeigt, was passieren kann, wenn man sich zu früh freut. Sporting Lissabon spielte im Finale vor eigenem Publikum, führte zur Pause 1:0, „ab der Halbzeit waren die schon am Feiern“, sagt Götz. Am Ende gewann ZSKA Moskau 3:1.

Es wäre eine bittere ironische Volte, wenn die Konkurrenz zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen schlingerte, Hertha die Vorlage aber erneut nicht nutzen könnte. Anzeichen für eine labile Psyche gibt es jedoch nicht. „Die Mannschaft ist heiß“, sagt Hoeneß, „völlig losgelöst von dem, was sie verdienen kann“. Dass er sich in dieser Woche mit dem Mannschaftsrat auf eine Prämienregelung verständigt hat, diente weniger dazu, einen weiteren Anreiz zu setzen, „es war einfach notwendig, dass man Klarheit hat“, sagt Hoeneß. Die Mannschaft soll sich ausschließlich auf das Spiel konzentrieren.

„Es kribbelt“, sagt Trainer Götz. Passend zum freudigen Anlass wird wohl auch das Olympiastadion ausverkauft sein, wenn Hertha zum zweiten Mal nach 1999 wieder die Champions League erreicht – und das nur ein Jahr, nachdem die Mannschaft gerade noch dem Abstieg entronnen ist. „Dieser Druck ist sehr viel angenehmer“, sagt Kapitän Arne Friedrich. Zumal das Erreichen des Uefa-Cups für Hertha schon ein Erfolg ist. Das unterscheidet die Berliner von den Konkurrenten aus Schalke und Stuttgart, die vor wenigen Wochen sogar noch als Anwärter auf die Meisterschaft galten.

Auch Hertha hat zuletzt nicht immer überzeugt, doch die Berliner machen zurzeit den stabilsten Eindruck. Zudem haben sie die Statistik auf ihrer Seite. Schalke hat seit 1999 nicht mehr in Freiburg gewonnen und Stuttgart in sechs der letzten zehn Heimspiele gegen die Bayern nicht mal ein Tor erzielt. Hertha hingegen hat im Olympiastadion vier Siege hintereinander geschafft. Auch die Historie macht den Berlinern Hoffnung. Am 20. Mai 2000, fast auf den Tag vor fünf Jahren, gab es eine ähnliche Konstellation. Hertha und der VfB kämpften um den letzten Platz im Uefa-Cup, die Berliner verloren zwar zu Hause 0:3 gegen Dortmund, schafften es aber trotzdem in den Europapokal, weil Stuttgart gegen den Absteiger Bielefeld nur 3:3 spielte. Nach 35 Minuten hatte der VfB 3:0 geführt.

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