Sport : Im Krieg verglüht

Mit dem Kroaten Prosinecki feierte Bayerns heutiger Gegner Roter Stern Belgrad 1991 die letzten Erfolge

Thomas Roser[Belgrad]

Nur die Erinnerung ist dem früheren Fußball-Vagabund geblieben. Vier Jahre lebte Robert Prosinecki einst in Belgrad. Geboren ist er im schwäbischen Schwenningen als Sohn eines Kroaten und einer Serbin. Mit dem Kicken hatte er als Kind bei den Stuttgarter Kickers begonnen, bei Dinamo Zagreb in seiner Jugend bis 18 gespielt. „Doch in Belgrad ging die Karriere nach oben. Es war eine gute Zeit“, sagt Kroatiens stoppelbärtige Fußball-Legende. Zu einigen seiner Kollegen vom Roten Stern habe er noch immer Kontakt, versichert er, während er in einem Café in der Zagreber Innenstadt mit tiefen Zügen an seiner Zigarette zieht. Einmal sei er nach dem Krieg noch in Belgrad gewesen. „ich hatte keine Probleme“.

Heute ist Prosinecki Kotrainer der kroatischen Nationalelf und hat seinen früheren Verein im gerade 350 Kilometer entfernten Belgrad aus den Augen verloren. Wie der Tabellenstand und wer der Trainer des serbischen Meisters sei, will der 38-Jährige wissen. Dass sich oft nur 5000 Fans in dem einst 100 000 Zuschauer fassenden Rund verlieren, überrascht ihn kaum: In Kroatien sei das ähnlich. Damals, 1991, im Schicksalsjahr des Vereins und des Landes, sei das Marakana-Stadion bei jedem Europacup-Spiel ausverkauft gewesen. „Die Fans lebten und liebten den Fußball.“

Bis auf den rumänisch-serbischen Abwehrchef Belodedic war es eine rein jugoslawische Elf, die damals in Europa groß aufspielte. In der Abwehr standen der Bosnier Sabanadzovic und der Mazedonier Najdoski. Prunkstück war das Mittelfeld mit dem Kroaten Prosinecki, dem Montenegriner Savicevic und den Serben Jugovic und Mihajlovic. Vorn lauerte der mazedonische Torjäger Pancev. Die Herkunft der Spieler sei selbst zu den Zeiten, als „man fühlte, dass etwas passieren wird, nie ein Thema gewesen“, sagt Prosinecki.

Doch als Roter Stern zum europäischen Siegeszug ansetzte, lag Jugoslawien bereits in seinen letzten Zügen. Am 13. Mai 1990 kam es beim Belgrader Gastspiel im Zagreber Maksimir-Stadion zu einer Massen-Schlägerei mit 138 Verletzten, die Dinamos Star Boban später als ein Signal für den späteren Krieg bezeichnete: Er selbst hatte einen Polizisten mit einem Karatesprung zu Boden getreten. Prosinecki war der einzige Kroate im Belgrader Trikot.

Und doch konnte man sich bei Roter Stern zunächst noch auf den Fußball konzentrieren. Im Halbfinale des Europapokals ging es gegen Bayern München. Roter Stern gewann das Hinspiel in München 2:1. Das Rückspiel am 24.April 1991 wurde zu einer magischen Fußballnacht.

Zur Pause führte Roter Stern 1:0. Doch die Bayern drehten das Spiel, gingen 2:1 in Führung und mussten nur noch ein paar Sekunden überstehen, als Bayerns Abwehrchef Augenthaler zum 2:2 ins eigene Netz traf. Danach stürmten die Fans das Feld, sie rissen Stücke aus dem Rasen, sicherten sich Teile der Tornetze. „Das Stadion explodierte“, sagt Prosinecki.

Mit dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Olympique Marseille feierte Jugoslawiens Fußballgemeinde beim Finale in Bari die Krönung ihrer erfolgreichsten, aber letzten Saison als intakte Nation. Der Rote Stern strahlte so hell wie nie zuvor und sollte doch bald im Krieg verglühen. Einen Monat später fielen in Slowenien die ersten Schüsse. Bald belagerten und zerstörten serbische Truppen das kroatische Vukovar. Da spielte Robert Prosinecki schon für Real Madrid.

Nach 16 Jahren bietet sich den Bayern nun beim Uefa-Cup-Gastspiel heute in Belgrad Gelegenheit zur späten Revanche. Doch mit dem Europapokalsieger von 1991 hat Roter Stern heute kaum mehr etwas gemein. In der heimischen Liga geht es nicht mehr gegen die Spitzenklubs aus Bosnien oder Kroatien. Der Rekordmeister tingelt durch die serbische Provinz. Für den Roten Stern spielen nun Profis aus Ekuador, Ghana oder Brasilien. Kroaten oder Bosnier spielen in Belgrad schon lange nicht mehr.

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