Sport : Im Land der Disziplin

Warum Herthas holländischer Trainer Huub Stevens nach Ansicht seiner Landsleute in Deutschland gut aufgehoben ist

Stefan Hermanns

Amsterdam. Huub Stevens ist in der vergangenen Woche mit seiner fußballerischen Vergangenheit konfrontiert worden. Herthas Trainer war als Studiogast ins holländische Fernsehen eingeladen, und extra für die jüngeren Zuschauer hat der Moderator von „Voetbal Insite“ einen Ausschnitt aus dem vorigen Jahrtausend einspielen lassen. So, liebe Kinder, jetzt könnt ihr mal sehen, was Huub Stevens früher für ein Fußballer war. Es kam dann eine Szene aus den Achtzigerjahren, aus einem Spiel zwischen AZ Alkmaar und dem PSV Eindhoven. Ein AZ-Stürmer lief auf das leere PSV-Tor zu, aber kurz vor der Linie stoppte er, um seinen Triumph richtig zu genießen – zum Ärger von Huub Stevens. Der grätschte daraufhin über den nassen Rasen und landete mit voller Wucht und voller Absicht in den Beinen des Torschützen. Ball im Tor, Gegner am Boden.

Die Szene sagt weniger aus über das fußballerische Vermögen des heutigen Trainers von Hertha BSC als über das Bild, das sich sein Heimatland von ihm gemalt hat. Auf der Internetseite des Fernsehsenders RTL5 wird Stevens als „no nonsense coach“ bezeichnet, als Trainer, der keinen Blödsinn duldet. In den Niederlanden gilt er als unnachgiebig und geradlinig, als kompromisslos und vielleicht sogar ein bisschen humorlos. Seine sportlichen Erfolge aber werden sehr wohl gewürdigt. Vor allem seine Erfolge mit dem Provinzklub Roda Kerkrade.

1995 wurde Stevens in der Eredivisie mit Roda Zweiter hinter der Übermannschaft von Ajax Amsterdam, und Kerkrade war in dieser Saison das einzige Team, das nicht gegen Ajax verlor. Noch heute wird das in den Niederlanden als Stevens’ große Leistung angesehen. „Er wird hier sehr geschätzt“, sagt Jan Leerkes, der für den „Kicker“ aus den Niederlanden berichtet. Allerdings werden Stevens’ Erfolge von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Das liegt weniger an Stevens als daran, dass die Bundesliga ihren früheren Status als Leitliga für den holländischen Fußball längst verloren hat. „Meine Mutter hat samstags nie gekocht“, hat Erik Meijer, der niederländische Stürmer vom Hamburger SV, einmal gesagt, „weil ich samstags immer mit einer Tüte Pommes vor dem Fernseher gesessen und die Sportschau geguckt habe.“ Das ist lange her. Das Interesse am deutschen Fußball verschwand, als die Privatsender die Rechte an der Bundesliga erwarben und die Sportschau die Spiele nicht mehr zeigen durfte. RTL und Sat1 sind in den Niederlanden allenfalls im Grenzgebiet über Antenne zu empfangen. Inzwischen überträgt RTL5 jeden Samstag ein Bundesligaspiel live. Doch das alte Interesse wird wohl nie mehr zurückkehren. Die Niederländer orientieren sich nun nach Spanien, Italien und England. Da spielen die herausragenden niederländischen Fußballer Kluivert, Cocu, Davids, Seedorf und van Nistelrooij. In Deutschland spielen van Lent, van Burik und van Hoogdalem.

Dass Huub Stevens vor mehr als sechs Jahren nach Deutschland gegangen ist, haben viele Niederländer für einen folgerichtigen Schritt gehalten. Herthas Trainer gilt als Disziplinfanatiker, und das qualifiziert ihn in den Augen der Niederländer natürlich für einen Job im Land der Disziplinfanatiker. Bei seinem Auftritt im holländischen Fernsehen wurde Stevens vom Moderator mit einem geschmacklosen Beinamen aus seiner Zeit als Jugendtrainer in Eindhoven konfrontiert, der während dieser Zeit in Eindhooven kursierte: „Hitler Huub“. Stevens findet das verständlicherweise gar nicht witzig.

Bei der Beurteilung durch seine Landsleute mag auch die Herkunft eine Rolle spielen. Stevens stammt aus der Provinz Limburg im Süden des Landes, und limburgischer als Stevens kann ein Limburger kaum sein. Die protestantisch geprägten Holländer machen sich gerne lustig über die Katholiken aus dem Süden, und Limburg wird als Limbabwe oder Reserve-Belgien verspottet. Das erklärt auch, warum sich Stevens dagegen wehrt, als Holländer bezeichnet zu werden. Wenn überhaupt, ist er Niederländer.

Trotzdem wurde auch Stevens’ Name genannt, als vor anderthalb Jahren, nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation, ein neuer Bondscoach für die niederländische Nationalelf gesucht wurde. „Sie brauchen mich gar nicht anzurufen“, hat Stevens damals verkündet. Doch die Absage war eher präventiver Art. Echter Kandidat ist Stevens nie gewesen. Von vornherein wollte der Königliche Niederländische Fußballverband keinen anderen Trainer als Dick Advocaat, die Ersatzkandidaten hießen Hiddink, Rijkaard, van Hanegem und Gullit. Nicht Stevens. „Natürlich kann Huub Bondscoach werden“, sagt Ronald Koeman, der Trainer von Ajax Amsterdam. Johan Derksen aber, der Chefredakteur der wichtigsten Fußballzeitschrift „Voetbal International“, findet, dass Stevens „besser in die deutsche Fußballkultur passt als in die niederländische“. Und bis die Holländer einen Bondscoach akzeptieren, der ihre Nationalmannschaft deutsch spielen lässt, muss noch einiges passieren.

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