Sport : Im Land der Paten

Christian Domnitz

Der Abend im Kiewer Dynamo-Stadion war beispielhaft: Kaum Zuschauer kamen, als eine Gruppe junger Künstler einlud zu einer Multimedia-Show, die eine Woche vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland den alten Mythos des ukrainischen Fußballs wieder hervorzaubern sollte. Aus den Stadionlautsprechern schallte Techno und Swing über leere Zuschauerbänke, Installationen aus buntem Licht fanden nur wenige Betrachter. Kaum einer der wenigen hundert Besucher merkte, dass Stürmerstar Andrej Schewtschenko - seinen Kopf versteckt unter der Kapuze seines Trainingsanzuges - mit einem dicken Pflaster auf der Nase ein paar Trainingsrunden drehte.

Dass der Hoffnungsträger, der sich vor anderthalb Wochen in Italien einen Nasenbeinbruch zuzog, in schlechterer Form sein wird als sonst, daran wollen die Ukrainer nicht denken. Wichtig sei es, sagen die Fans, dass er überhaupt spiele. Und so scheint es, dass neben Patriotismus und Euphorie auch ein bisschen Augenwischerei im Spiel ist, wenn es um die Selbsteinschätzung des ukrainischen Fußballs geht. Der Mythos lebt, doch die Realität sieht anders aus.

Es gibt kein internationales Aufhorchen mehr, wenn der Name Dynamo Kiew fällt. Vorbei sind die Zeiten, als der schnelle Linksaußen Oleg "Blocha" Blochin zum Fußballidol der Siebziger aufstieg, nachdem die sowjetische Vorzeigemannschaft unter Walerij Lobanowski im Endspiel des europäischen Supercups 1975 spektakulär Bayern München bezwang. Und vergessen ist Sportschau-Moderator Ernst Huberty, der sagte, ein Spiel ohne Blochins Dribbling sei wie eine schöne Frau, der ein Auge fehlt. Dabei war es so ein schönes Tor - jeder Ukrainer kennt die alten Bilder in Schwarzweiß: Blochin legt in der eigenen Hälfte los, zieht nach einer Finte an Bayern-Spieler Schwarzenbeck vorbei, kämpft sich an drei Verteidigern vorbei und schießt das Tor. Die Wahl zum Europäischen Fußballer des Jahres 1975 gewann daraufhin er mit 122 Punkten. Auf dem zweiten Platz weit abgeschlagen: Franz Beckenbauer, 42 Punkte.

Abwärtstrend zu Sowjetzeiten

Bereits zu Sowjetzeiten ging es mit dem ukrainischen Fußball abwärts. Als der Zerfall des kommunistischen Reichs begann, wurde die staatliche Sportförderung zurückgefahren. Nach der Wende mussten die Vereine Sponsoren suchen. Und die sind im bröckelnden Osteuropa dünn gesät. Dynamo Kiew, ukrainischer Tabellenführer und erster Talente-Lieferant der Nationalmannschaft, wurde 1993 privatisiert. Kiew angelte sich Adidas und Volvo als Sponsoren und hatte auch sportlichen Erfolg. In Andrej Schewtschenko, der jetzt beim AC Mailand spielt, und Sergej Rebrow, jetzt bei Tottenham Hotspur, brachte der Verein immerhin zwei Weltklasse-Spieler hervor.

Die ukrainischen Stadien gehören jetzt zwei Fußball-Oligarchen. Es sind postkommunistische "Biznesmeny", Businessmen, die nach der Wende Geld gemacht haben, und keiner weiß genau, womit. Grigorij Surkis ist der Chef bei Dynamo Kiew, er finanziert dort ein Fußballinternat. Doch mit seinem Geld kaufte Alt-Trainer Lobanowski auch Spieler aus Nigeria, Rumänien, Bulgarien und Russland ein, die jetzt die Hälfte des Dynamo-Teams ausmachen. Fans munkeln derzeit, dass Schachtjor Donezk, der ewige Zweite in der ukrainischen Liga, Dynamo bald überrunden werde. Der Grund: Schachtjor-Magnat Rinat Achmedow soll mehr Geld besitzen als Dynamo-Pate Surkis.

Für die anderen Vereine sieht es düster aus. Fußball ist in der Ukraine ein Zuschussgeschäft, die Vereine sind klamm. Hohe Eintrittspreise in den Stadien können sie nicht verlangen, das Merchandising befindet sich in den Kinderschuhen, und auf Trikots und Banden werben will auch keiner so richtig. Erstliga-Spiele wie Metallurg Donezk gegen Metallist Charkow werden nur selten im

Unwillige Großbetriebe

Fernsehen übertragen, und die ehemals sozialistischen Großbetriebe finanzieren ihre Fußballklubs nur unwillig. Sie sind selber oft in finanziellen Nöten.

Es gebe immer weniger richtige Fans in der Ukraine, sagt Alexander Popow, der unter seinem Spitznamen "Schurik" die Homepage der Dynamo-Fans betreibt. Schuld sei der Alltag. "Wer heute eine Familie ernähren muss, hat weder Zeit noch Geld für Fußball." Da bleibt nur noch Enthusiasmus: Schurik, der als Programmierer bei der ukrainischen Nationalbank arbeitet, kann die Fan-Homepage auch während der Arbeitszeit pflegen, weil auch sein Chef Fußballfan ist. Enthusiasmus im Volk verbreiten sollte auch ein Deal, den Dynamo-Boss Surkis - er ist gleichzeitig Chef des ukrainischen Fußballverbands - im August mit dem Bildungsministerium einfädelte: Fußball sollte Pflichtfach werden an den Schulen. Eine Stunde in der Woche sollten die Kinder kicken. Doch noch nicht in allen Schulen wurde das Programm umgesetzt. Der Grund: Surkis spendierte den Schulen Lederbälle und Ballpumpen, doch es fehlen gute Bolzplätze.

Was erwartet die Ukrainer im Match gegen die Deutschen? Sie gewännen zu 60 Prozent, sagt Internet-Fan Schurik. Die Deutschen seien im Spiel sehr diszipliniert, "das können wir nicht". Die Stärke der Ukrainer sei hingegen, Charakter zu zeigen, wenn es darauf ankommt. "Das erste Spiel entscheidet", sagt Schurik: also das Hinspiel am Sonnabend in Kiew. Die Qualifikationsspiele gegen Deutschland seien das wichtigste Ereignis für die ukrainischen Fußballer in diesem Jahr. Als Gewinner würde die Ukraine erstmals seit ihrer Unabhängigkeit bei einer Fußball-WM spielen. Gelingt das nicht, hätte die deutsche Mannschaft das Niveau von Kroatien und Slowenien erreicht. An diesen beiden Länder war die Ukraine in den vergangenen WM- und EM-Vorrunden gescheitert.

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