Sport : Im Leben gelandet Dreispringer Edwards beendet seine Karriere

Frank Bachner

Es ist schade, dass Christian Olsson nur ganz selten so richtig pathetisch klingt. Wie weihevoll hätte er diesen Satz sagen können: „Ich fühle mich geehrt, dass ich in dem Wettkampf Weltmeister geworden bin, in dem Jonathan Edwards seine Karriere beendet.“ Aber der Schwede hört sich bei der Pressekonferenz nach dem Dreisprung an, als verkündete er, dass er morgen sein Fahrrad putzen müsse.

Es gibt nicht viele Momente, in denen in der Leichtathletik ein bisschen Pathos angebracht ist. Aber an diesem Montagabend war das gestattet. Edwards trat ab, der beste Dreispringer aller Zeiten. Die Legende aus Großbritannien. Weltrekordler (18,29 m), Olympiasieger (2000), Weltmeister (1995, 2001), von der Königin zum Sir geadelt.

Jonathan Edwards trat leise ab. Im Stadion jedenfalls. Er machte zwei Sprünge, auf den dritten verzichtete er. Er hatte sich zwei Wochen zuvor schwer den Knöchel verletzt, es war beeindruckend, dass er überhaupt springen konnte, aber er landete bei nur 16,31 m. Also verfolgte er auf einer Bank gelassen, wie Olsson mit 17,72 m Weltmeister wurde. Es war trotzdem sein Abend. Die Zuschauer jubelten ihm so zu, dass der Beifall zugleich nach Ehrfurcht klang. Viele hatten ja eine scheue Distanz zu diesem zurückhaltenden Athleten.

Alles hatte bei Edwards mit Gott zu tun. Sein abruptes Karriereende natürlich auch. Eigentlich wollte Edwards bis 2004 springen. Aber dann kam die Verletzung. Der Sohn eines Pfarrers verkündete: „Gott hat mir gesagt, dass ich nach der WM aufhören müsse.“

Das war typisch Edwards. Und natürlich geht sein missionarischer Eifer vielen Menschen furchtbar auf den Geist. Aber in England gibt es genügend Leute, die ihn dafür auch mögen. Er ist jetzt 37, nach der Langstreckenläuferin Paula Radcliff immer noch die populärste Figur in der Leichtathletik in England. Vielleicht mögen die Leute an ihm, dass er seinen Glauben konsequent lebt. Bis 1993 sprang Edwards zum Beispiel nie an einem Sonntag. Den Tag des Herrn wollte er nicht durch Sport entweihen. Dann änderte er seine Meinung und wurde 1993 an einem Sonntag WM-Dritter. Einen sündhaft teuren Porsche, den er sich gekauft hatte, stieß er nach drei Tagen wieder ab. Ein solcher Sportwagen passte nicht zu seinem Bild von einem Christen. Nachdem er in Paris seine Karriereende am Montag verkündet hatte, ging er zur Kathedrale Notre-Dame. Beten.

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