Sport : Im letzten Moment bröckelt die Festung

Torhüter Kraft steht sinnbildlich für Herthas Leistung in Freiburg: Die Berliner machen vieles richtig, am Ende aber zählt das nicht mehr

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Am Ball vorbei. Thomas Kraft machte in Freiburg ein glänzendes Spiel, im entscheidenden Moment aber erwischte er den Ball nicht. Foto: dpa
Am Ball vorbei. Thomas Kraft machte in Freiburg ein glänzendes Spiel, im entscheidenden Moment aber erwischte er den Ball nicht....Foto: dpa

Berlin - Christian Fiedler zählt zu den Menschen, die ihre Emotionen ungern nach außen tragen. Sein Gemüt kennt eigentlich nur einen Aggregatzustand, den der durchschnittlichen Gelassenheit; in Freiburg aber erlebte man den Torwarttrainer von Hertha BSC in aufgewühlter Stimmung. Der Ärger blitzte Fiedler aus dem Gesicht, er brüllte regelrecht auf Thomas Kraft ein, den Torhüter des Berliner Fußball-Bundesligisten. Ein Disput zwischen Lehrer und Schüler? Nein, „er hat versucht, mich zu beruhigen“, berichtete Kraft, „auf eine laute Art und Weise – damit ich ihn auch verstehe.“

Thomas Kraft ist manchmal das genaue Gegenteil von Christian Fiedler. Dann brodelt es in ihm so sehr, dass er für die Signale seiner Umwelt nur schwer empfänglich ist. Kraft weiß auch, dass er den Kontakt zu seinen Mitmenschen in solchen Fällen schon aus Selbstschutz am besten meiden sollte. In Freiburg war das wieder so, und man konnte es Kraft nicht einmal verdenken. Nach einer 2:0-Pausenführung hatte Hertha gegen den SC Freiburg in letzter Sekunde den fast sicheren Sieg doch noch verspielt.

Nicht nur Kapitän Andre Mijatovic empfand das 2:2 wie „eine gefühlte Niederlage“. Kraft dürfte es ähnlich ergangen sein, bei ihm kam aber auch noch verschärfend hinzu, dass er kurz vor Schluss zur tragischen Figur geworden war. Eine „sensationelle Leistung“ bescheinigte Herthas Trainer Markus Babbel seinem Torhüter, „er hat überragend gehalten“. Das finale Duell aber, das letztlich zum Ausgleich führte, hatte Kraft verloren.

Es war in der fünften Minute der Nachspielzeit, als Hertha zum wiederholten Mal im Mittelfeld den Ball verlor, und zum wiederholten Male eine Flanke in den Berliner Strafraum flog. Pavel Krmas kam mit dem Kopf vor Kraft an den Ball, verlängerte die Flanke zu Stefan Reisinger, und der vollendete zum Ausgleich.

Der durchschnittlich informierte Fußballzuschauer greift in solchen Fällen gern auf das Pauschalurteil zurück: Wenn er (der Torwart) rauskommt, muss er ihn (den Ball) auch haben. Das Fachpersonal bewertet derartige Situationen differenzierter. Markus Babbel nahm seinen Torhüter gegen den Vorwurf, den entscheidenden Fehler gemacht zu haben, in Schutz. Er hatte sich die Szene in der Nachbetrachtung noch einmal angeschaut und war zu dem Schluss gekommen: „Da kann man nichts machen.“ Kraft habe lediglich am Ende einer Fehlerkette gestanden, die tief im Mittelfeld ihren Anfang nahm. „Da muss man den Ball einfach auf die Tribüne schießen“, sagte Kapitän Mijatovic.

Das moderne Torwartspiel ist so etwas wie eine permanente Risikoabwägung: Ist die Chance, das Gegentor zu verhindern, größer, wenn ich auf der Linie bleibe oder wenn ich aus dem Tor herauskomme? Kraft entschied sich dafür, Krmas zu attackieren, auch auf die Gefahr hin, den Ball zu verfehlen. „Oft reicht es auch, wenn man versucht, den Gegner zu stören und zu behindern“, sagte Kraft, „so muss man’s machen.“ Krmas konnte den Kopfball in der Tat nicht mehr aufs Tor platzieren, aber er schaffte es noch, den Ball auf Stefan Reisinger am langen Pfosten abzulegen.

„Das Tor geht natürlich nicht auf seine Kappe“, sagte Mijatovic am Tag danach. Kraft scheint in der Mannschaft ohnehin über jeden Zweifel erhaben zu sein. „Thomas macht seine Sache sehr gut“, findet Herthas Kapitän. „Er ist unsere große Festung.“ Nach zwei kniffligen Situationen in der ersten Halbzeit, als ihm der Ball zweimal unkontrolliert vom Fuß hoppelte, wurde Kraft immer sicherer. Gerade auf der Linie verfügt er über außerordentliche Fähigkeiten. In Freiburg verhinderte der 23-Jährige gleich nach der Pause bei einem Kopfball von Papiss Demba Cissé mit einem glänzenden Reflex den Anschlusstreffer. Waagerecht in der Luft liegend, ließ er seinen linken Arm in die Höhe schnellen wie ein Hampelmann, bei dem man an der Schnur gezogen hat. „Man sieht immer mehr, warum er unsere Nummer eins ist“, sagt Trainer Babbel, „er ist ein außergewöhnlicher Torhüter, hat unglaubliche Reflexe und für sein Alter eine sehr gute Ausstrahlung.“

In Freiburg stand der Torhüter nahezu sinnbildlich für den Auftritt der ganzen Mannschaft. Auch Hertha hatte lange vieles richtig gemacht, am Ende aber zählte das alles nichts mehr. „Wir haben die Freiburger selbst zurück ins Spiel gebracht“, sagte Andre Mijatovic. Im Mittelfeld wurden die Bälle zu schnell wieder eingebüßt und im Sturm die durchaus vorhandenen Chancen zum wohl vorentscheidenden dritten Tor leichtfertig vergeben. Das traf die Berliner auch deshalb so hart, weil sie in der Defensive erneut einige Schwächen offenbarten. „Wir kassieren definitiv zu viele Gegentore“, sagte Babbel.

Wieder waren es zwei, wie schon in den beiden Spielen zuvor. Der kollektive Wille zur Defensive, der Hertha noch zu Saisonbeginn ausgezeichnet hat, ist dem Team zuletzt ein wenig abhandengekommen. „Wir müssen wieder bewusster und klarer verteidigen“, fordert Babbel daher, „als Mannschaft konsequenter auftreten.“ Am besten so wie Thomas Kraft. Von dem sagt Markus Babbel: „Er verkörpert dieses Gewinnenwollen.“ Selbst nach einer gefühlten Niederlage.

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