Sport : Im Licht

Gegen Österreich zeigt die Nationalelf, dass sie die Vorgaben von Jürgen Klinsmann umsetzen will

Michael Rosentritt[Wien]

Für die letzten zehn Spielminuten hockten sich Jürgen Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw auf die Rückenlehne der Trainerbank. Ihre Füße stellten sie auf die Sitzschalen. Löw beäugte das Tun der deutschen Spieler mit fester Miene, Klinsmann, der neue Bundestrainer, lächelte. Zu diesem Zeitpunkt wussten beide, dass ihr Debüt ein erfolgreiches werden würde. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann das Freundschaftsspiel in Wien gegen Österreich mit 3:1. „Ich bin hochzufrieden“, sagte Klinsmann, „die Mannschaft hat sich an unsere Vorgaben gehalten. Es hat Spaß gemacht zuzuschauen. Danke. Toll.“

Klinsmann erzählte nach dem Spiel liebe, nette und unverbindliche Dinge. Dazu lächelte er in unregelmäßigen Abständen, redete von einer leichten Anspannung, die er verspürt habe, aber kein Zittern und kein Zweifel. „Ich war selbstbewusst, denn ich weiß gute Leute um mich“, sagte Klinsmann und meinte damit neben Löw auch Oliver Bierhoff, den neuen Manager der Nationalmannschaft.

„Wir wollen heute mit etwas beginnen“, das bei der WM 2006 seinen erfolgreichen Abschluss finden soll, hatte Klinsmann in der Kabine kurz vor dem Spiel seinen Spielern gesagt. „Die Mannschaft soll wieder an sich glauben, dass sie Großes vollbringen kann.“

Keine Frage, der American Way of Life hat auf die Arbeits- und Ideenwelt des in Kalifornien lebenden Klinsmann abgefärbt. In gewisser Weise ist es Teil seines Erfolgsrezepts. Klinsmann weiß die strukturellen und organisatorischen Vorzüge amerikanischer Profiteams zu schätzen. Er baut um sich herum ein Team von Spezialisten und delegiert Verantwortung, was zunächst nicht nur auf Gegenliebe beim bisweilen starren DFB gestoßen ist. Klinsmann aber will sein Team noch weiter aufstocken. Der Auftaktsieg gegen Österreich war deshalb „ein erster Schritt, damit wir etwas Ruhe haben“, wie Oliver Bierhoff sagte.

Joachim Löw relativierte hinterher die ausschließlich positiven Bemerkungen des Bundestrainers. „Phasenweise war Tempo in den Aktionen unserer Spieler. Mehr können wir nach drei Trainingseinheiten nicht verlangen“, sagte Löw. Der gelegentlich hohe Rhythmus reichte aus, um Österreich, die Nummer 89 der Weltrangliste, deutlich zu beherrschen. „Das hohe Tempo sind meine Spieler aus unserer Liga nicht gewohnt“, sagte Österreichs Trainer Hans Krankl, „sie sind hintenraus etwas müde geworden.“

Das neue deutsche Trainerduo setzte von Beginn an auf Aggressivität und Pressing. Gelegentlich spielte die Mannschaft schnell nach vorn. Vor allem der neue Mannschaftskapitän Ballack, Frings, Lahm und der dreifache Torschütze Kuranyi spielten mit deutlich mehr Risiko als zuletzt bei der Europameisterschaft. „Wenn ein Stürmer drei Dinger macht, lebt er auf“, sagte Klinsmann über Kuranyi. Beim VfB Stuttgart hat der Angreifer unter dem neuen Trainer Matthias Sammer im Moment nicht mal einen Stammplatz. „Ich freue mich, dass ich Tore schießen durfte“, sagte Kuranyi. Klinsmann habe ihn von Beginn an gebracht und ihm damit Sicherheit gegeben. „Er setzt viel auf Bewegung und spricht mit uns. Das ist anders als bei seinem Vorgänger.“

Das größte Verdienst Klinsmanns ist es, dass er in nur drei Tagen einen Draht zu den Spielern gefunden hat. Österreich sei nur der erste Schritt gewesen, „wir wollen die Dinge weiterentwickeln“, sagte er. Bei allen guten Ansätzen dürfte ihm aber nicht entgangen sein, dass speziell die Abwehr noch anfällig ist. Debütant Fahrenhorst kann eine Alternative zu Nowotny werden, Linke war nur als Notlösung für den verletzten Berliner Friedrich dabei. Und wie gut die Spieler Klinsmanns Philosophie vom mutigen Tempofußball verinnerlichen und umsetzen können, wird sich in drei Wochen in Berlin zeigen. Weltmeister Brasilien ist dann der Gegner. Klinsmann freut sich auf dieses Spiel. „Wir verstecken uns vor keinem Gegner mehr. Auch nicht vor Brasilien.“

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