Sport : Im Mutterschiff

Die 19-jährige Carolin Leonhardt sitzt in Athen mit der 23 Jahre älteren Birgit Fischer in einem Boot

Friedhard Teuffel

Berlin - Carolin Leonhardt ist jetzt 19 Jahre alt, sie fährt im August zum ersten Mal zu den Olympischen Spielen und sitzt dennoch schon in einem der interessantesten Boote, die bei den Kanuwettbewerben in Athen am Start sind. Sie fährt gemeinsam mit Birgit Fischer, der erfolgreichsten Paddlerin überhaupt. Sieben olympische Goldmedaillen hat Fischer gewonnen und 27 Weltmeistertitel. Die erfahrenste und die jüngste bilden bei diesen Olympischen Spielen eine Fahrgemeinschaft im Zweier-Kanadier. Sie haben beste Chancen auf eine Medaille.

Es ist nicht so, dass die Mannheimerin Leonhardt noch eine Mitfahrgelegenheit gebraucht hätte und Fischer sie nun großzügigerweise zu sich ins Boot geholt hat. Bei der ersten nationalen Olympiaausscheidung im April in Duisburg war Leonhardt hinter der Potsdamerin Katrin Wagner die Zweitschnellste, Fischer kam auf Platz drei. Wagner soll im Einer paddeln, und für den Zweier kamen dann Fischer und Leonhardt als Besatzung ins Spiel.

Über ihre neue Partnerin sagt Leonhardt: „Sie könnte meine Mutter sein. Eigentlich hatte ich gar nicht gedacht, dass ich noch einmal zu ihr ins Boot steigen kann.“ Fischer hatte schließlich ihre Karriere nach den Olympischen Spielen in Sydney für beendet erklärt. Doch der überaus ehrgeizigen Athletin fehlte auf einmal eine vergleichbare Herausforderung. Deshalb hängt sie jetzt einfach noch ein olympisches Kapitel an ihre Laufbahn dran, mit 42 Jahren.

Sie hat damit offenbar nicht nur sich selbst einen Gefallen getan, sondern auch ihrer neuen Partnerin, die mit ihr in Athen auch noch im Vierer-Kajak starten wird. „Es gibt mir eine unglaubliche Sicherheit, mit ihr zu paddeln. Sie ist selbst vor dem Start ganz ruhig, sie weiß immer eine Lösung, und am Ende wird es immer gut“, sagt Leonhardt.

Sie muss aber auch einen starken Willen haben, wenn sie mit Fischer auskommen möchte. Denn die beste deutsche Kanufahrerin gilt als schwierig. Sie bestimmte viel in der Nationalmannschaft. Nicht zuletzt wegen ihrer Dominanz sind sogar schon zwei Sportlerinnen ausgewandert: Katrin Borchert und Katrin Kieseler zogen nach Australien. Kieseler hatte nicht mit Fischer im Zweier-Kajak paddeln dürfen, und Borchert erklärte: „Ich war bei Birgit in Ungnade gefallen.“

Carolin Leonhardt jedoch fühlt sich wohl im Boot mit Birgit Fischer. „Wir passen uns einander an“, sagt Leonhardt, die im nächsten Jahr ihr Abitur machen und dann studieren will. Ohnehin scheint sie nicht zu zart zu sein, um sich durchzusetzen. In den Trainingspausen der Olympiavorbereitung in Kienbaum spielt sie oft Autorennen am Computer gegen die Jungs. „Die ziehe ich ganz schön ab.“

Wenn Fischer über ihre Kolleginnen aus der Nationalmannschaft redet, sagt sie oft „die Mädchen“. Über Leonhardt spricht sie mit Respekt, weil sie das Gefühl hat, dass hinter ihr im Boot eine starke Persönlichkeit sitzt. „Sie ist sehr unbekümmert“, sagt Fischer, „die trockene Art, sich nicht lange mit etwas aufhalten, damit erinnert sie mich sogar ein bisschen an mich.“

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