Sport : Im Namen der Kurve

Keine Häme, kein Spott: Die Fans von Hertha haben verstanden, wie Abstiegskampf funktioniert

André Görke

Berlin. Ruth Moschner ist die Moderatorin der fünften „Big-Brother“-Staffel und war mal Fan von Bayer Leverkusen. Am Samstag trug sie ein Trikot von Hertha BSC und durfte in der Halbzeit auf den Rasen des Olympiastadions laufen. „Hey, Ruth, wie findest du heute unsere Fans?“, fragte der Stadionsprecher voller Erwartung, doch er wurde von Ruth Moschner enttäuscht: „Wie immer ’ne geile Stimmung!“

Spätestens in diesem Moment wusste jeder, dass Frau Moschner noch nie im Olympiastadion gewesen sein kann. Denn „geil“ war die Stimmung der Hertha-Fans in dieser Saison erst einmal – nämlich am vergangenen Wochenende. Nach dem 1:0-Sieg gegen den VfL Wolfsburg sagte Herthas Trainer Hans Meyer, dass „wirklich ein Funken auf die Mannschaft übergesprungen ist. Die Zuschauer waren heute einfach fabelhaft.“ Von der ersten Minute an sangen die Fans, nicht nur in der Ostkurve, sondern auch im Oberring. Und in den letzten Minuten des Spiels standen die Zuschauer sogar in den eher neutralen Blöcken am Marathontor auf und klatschten in die Hände. „So geht Abstiegskampf“, sagte Herthas Stürmer Fredi Bobic später; was er meinte: Die Zuschauer haben das erste Mal der Mannschaft geholfen.

Herthas Fans haben in der Liga einen sehr schlechten Ruf. „Schönwetterfans!“, schimpfen Anhänger anderer Vereine. Die Berliner gelten als großmäulig, unkreativ und nicht unbedingt treu in ihrer Liebe zu Hertha. Ein gutes Beispiel sind die vergangenen Wochen, in denen sich die Mannschaft mühte, aber verunsichert war, und die Fans dennoch immer sehr schnell pfiffen. Die Berliner Spieler waren schon froh, wenn die Fans auf der Tribüne einfach nur schwiegen.

Am Wochenende war vieles anders, das war schon nach der Pause zu sehen, als die Berliner aus der Kabine kamen. Pal Dardai war der Erste, gefolgt von Dennis Cagara. Sie liefen auf die Ostkurve zu, wo der harte Kern der Hertha-Fans steht. Während sie vor Wochen noch mit Missachtung gestraft worden wären, applaudierten diesmal die Fans – und Dardai und Cagara applaudierten zurück. Sollte heißen: „Kommt Jungs, das schaffen wir heute gemeinsam.“

Nach Monaten der Häme und Kritik scheint sich der Gedanke durchzusetzen, dass Hertha eine Backpfeife, der knappe Klassenerhalt also, reichen würde, damit der Klub seine ihm oft vorgehaltene Arroganz ablege. Spiele gegen Burghausen und Ahlen will sich niemand angucken, das wäre selbst für Kritiker zu langweilig. Wohl auch deshalb haben die Boulevard-Zeitungen die sanfte Tour eingeschlagen. Die „B.Z.“ verteilt tausende „Abstieg niemals!“-Shirts an die Fans. Und „Bild“ erklärt jeden Tag tapfer, „warum Hertha nicht absteigt“.

Es mag auch an den fehlenden Schuldigen liegen, dass die Stimmung dreht. Junge Spieler wie Dennis Cagara, Nando Rafael oder Malik Fathi taugen nicht zu Sündenböcken. Der 19-jährige Cagara etwa bestritt gegen Wolfsburg sein erstes Spiel von Anfang an. Viel gelang ihm nicht, „er war nervös“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Aber wer will ihm das verübeln? Es wäre natürlich einfacher, wenn die jungen Spieler Erfahrung in einer gestandenen Mannschaft sammeln könnten, die oben mitspielt, sagt Trainer Hans Meyer. Was sie derzeit erleben, sei aber keine „schlechte Schule“. Die Pfiffe, der Spott – die jungen Spieler machen in den Anfangsjahren ihrer Karriere eine Erfahrung, die auch gestandenen Profis Schwierigkeiten bereiten würde.

Dass der Druck immer noch sehr hoch ist, war in den letzten Minuten des Spiels zu sehen. Hertha lag zwar in Führung, zog sich aber immer weiter zurück. „Wir haben da zu wenig Fußball gespielt“, sagte Trainer Hans Meyer. „Aber wir haben wenigstens die Ordnung nicht verloren“, sagte Manager Hoeneß. Am Ende war die Erleichterung groß, bei den Spielern und auch bei den Fans, dass endlich einmal ein Vorsprung über die Zeit gerettet wurde. „Nie mehr Zweite Liga!“ sangen die Fans, und kramten damit ein Lied aus dem Gesangsrepertoire, das zuletzt vor sechs Jahren gesungen wurde. So viel Trotz war schon lange nicht mehr im Olympiastadion.

Während die Spieler mit den Fans noch feierten, meldete sich Fredi Bobic noch einmal zu Wort. Er war der Hoffnungsträger zu Saisonbeginn, heute ist er der Sündenbock. Wie er damit umgehe, dass die Fans nur ihn ausgepfiffen haben, als er eingewechselt wurde? „Ach“, antwortete Bobic. „Solange sie die Jungen nicht auspfeifen, ist es okay.“

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