Sport : Im Namen der Nationalmannschaft

Was ist eigentlich ein salomonisches Urteil? Eines, das niemandem weh tut? Oder vielleicht doch eines, das sich einer höheren Gerechtigkeit verpflichtet sieht? Die Volksmeinung neigt eher der ersten Definition zu. Insofern mag auch das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes der Ansicht sein, gestern ein salomonisches Urteil gefällt zu haben. Jens Lehmann, der Torhüter von Borussia Dortmund, wird nach seiner Tätlichkeit im Spiel gegen den SC Freiburg für vier Spiele gesperrt. Lehmanns Fehltritt ist von den allgegenwärtigen Fernsehkameras zweifelsfrei dokumentiert worden, Strafe muss also sein. Aber nicht zu viel, bitte - weil a) Borussia Dortmund im Titelkampf ohne den Torhüter natürlich deutlich benachteiligt wäre und b) die Nationalmannschaft Lehmann im Juni bei der Weltmeisterschaft noch benötigen könnte. Normalerweise hätte Lehmann in dieser Saison überhaupt nicht mehr spielen dürfen, aber ein Torhüter, der acht Wochen kein Pflichtspiel bestritten hätte, würde sich bei der WM wohl kaum als echte Verstärkung erweisen.

Es gab mal Zeiten, in denen sich der DFB noch nicht von derart egoistischen Motiven hat leiten lassen. Zeiten, in denen sich der Verband dem Fairplay verpflichtet sah und sich als unerbittlicher Hüter der guten Sitten und des Anstands aufspielte. Man könnte mal bei Erwin Kremers nachfragen, der von den alten Herren aus Frankfurt 1974 um den Gewinn des WM-Titels gebracht wurde, weil der DFB damals noch andere Ansichten und Wertvorstellungen hegte. Nachdem der Schalker in der letzten Minute des letzten Saisonspiels die Rote Karte gesehen hatte, wurde er vom DFB gleich noch aus dem WM-Kader gestrichen.

Das Urteil im Fall Lehmann zeigt, dass sich die Zeiten geändert haben. Um hehre Moral geht es schon lange nicht mehr im Fußball. Salomonisch ist das Urteil trotzdem nicht. Es ist ganz einfach ein Skandal. Welche mildernden Umstände hat denn der Angeklagte für sich geltend machen können? Dass er sonst ein besonders braver und netter Mensch ist? Dass so etwas noch nie vorgekommen ist? Dass er vor eineinhalb Monaten nicht Giovane Elber seinen Ellbogen in den Körper gerammt hat? Dass er vor drei Wochen nicht Ulf Kirsten den Ball gegen den Rücken geworfen hat? Und dass er anschließend nicht auch noch mit seiner Hand in Kirstens Gesicht herumgefummelt hat?

Jens Lehmann ist Angestellter bei Borussia Dortmund. Vermutlich war das sein bestes Argument.

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