Sport : Im Namen des Vaters

Der Sohn des kroatischen Nationaltrainers steht gegen Brasilien unter Druck

Sven Goldmann

Berlin – Zlatko Kranjcar ist ein Held in Kroatien. Als es noch keinen kroatischen Staat gab, sondern ein von Serbien dominiertes Jugoslawien, erzielte der Stürmer Kranjcar in 556 Spielen 276 Tore für Dinamo Zagreb und war ein Fußball spielendes Symbol für den nationalen Traum seiner Landsleute. Seit zwei Jahren betreut er die Nationalmannschaft des unabhängigen Kroatiens, und mit der Zuneigung der Kroaten ist das vor dem ersten WM-Spiel heute in Berlin gegen Weltmeister Brasilien so eine Sache. Zlatko Kranjcar kann es nicht mehr hören, das Gerede um seinen Sohn Niko, den er ins WM-Aufgebot berufen hat. Da ist schnell der Vergleich zum Trainers von Serbien und Montenegro, Ilija Petkovic, zur Hand, was Kranjcar besonders kränkt.

Schon aus politisch-historischen Gründen sind Vergleiche zwischen Kroaten und Serben eine heikle Angelegenheit, und auch sportlich taugen beide Fälle nicht zur Gleichmacherei. Petkovic nominierte seinen verteidigenden und bereits 32 Jahre alten Sohn Dusan für einen verletzten Stürmer nach. Niko Kranjcar ist 21 und zählt zu den begabtesten Fußballern seines Landes, der das Pech hat, durch die Stellung seines Vaters immer in den Ruch der Vetternwirtschaft zu kommen. Beim enttäuschenden 0:1 im Testspiel gegen Polen in Wolfsburg, dem ersten Auftritt auf deutschem Boden, war der technisch beschlagene Mittelfeldspieler einer der Besten seines Teams.

Niko Kranjcar ist einer von nur vier Kroaten, die bei einem Klub in der Heimat spielen. Vielleicht ist sein Engagement bei Hajduk Split ein Nachteil, denn er steht Woche für Woche unter kritischer Beobachtung der Öffentlichkeit. Er profitiert nicht vom internationalen Glanz seiner Kollegen, die überall in Europa spielen, in Italien, Schottland, Belgien, Russland, Italien oder Deutschland. Diese Streuung ist für Niko Kovac ein Grund für die gute Harmonie im Team. „Wenn wir uns zu einem Länderspiel treffen, fallen wir uns in die Arme und küssen uns, wir lieben uns“, sagt der kroatische Kapitän. „Wir freuen uns alle, wieder in die Heimat zu kommen, vor allem die, die da unten geboren sind und jetzt im Ausland spielen. Wir sind stolz auf unsere Nation, wir sind stolz, dass wir das Nationaltrikot tragen.“

Niko Kovac ist wie sein Bruder Robert, der für Juventus Turin spielt, im Berliner Bezirk Wedding geboren. Als Kind hatte er den roten jugoslawischen Pass, aber in seinem Herzen ist er immer Kroate geblieben. Zu Hause in der Turiner Straße wurde in der Familie Kovac Kroatisch gesprochen, das Abitur hat Kovac an einem Weddinger Gymnasium gemacht.

Nach 15 Profijahren in Leverkusen, Hamburg, München und Berlin läuft seine Zeit im WM-Jahr ab, in der kommenden Saison wird er bei Red Bull Salzburg sein Geld verdienen. Das wirkt wie ein Taumel in die fußballerische Provinz und ist doch mehr eine Art Familienzusammenführung. Die Eltern wohnen seit ein paar Jahren in der Nähe von München, Bruder Robert ist in Turin schnell zu erreichen, und nach Kroatien ist es auch nicht so weit. Die WM in Deutschland ist die letzte ganz große Herausforderung, das Spiel gegen Brasilien in seiner Heimatstadt Berlin ein Höhepunkt. „Das hat der liebe Gott gut gemacht“, hat Kovac kürzlich gesagt.

Niko Kovac trägt die prestigeträchtige Nummer zehn und die Kapitänsbinde, aber der große Star der Mannschaft ist ein anderer: Dado Prso. Der auf den ersten Blick staksig und unbeholfen wirkende Stürmer hatte Kroatien in jungen Jahren Richtung Frankreich verlassen, für eine unterklassige Mannschaft gespielt und nebenbei als Automechaniker gearbeitet. Jetzt spielt er bei den Glasgow Rangers und ist der am besten bezahlte kroatische Profi. Heute hoffen seine Landsleute, dass er gegen Brasilien trifft. Die vorbereitenden Pässe soll Niko Kranjcar geben, von dem die kroatische Presse nicht müde wird zu behaupten, er sei lauffaul und wiege zu viel. Blödsinn, sagt Trainer-Vater Zlatko Kranjcar, sein Sohn sei nicht übergewichtig, „ein anderer ist übergewichtig und spielt trotzdem“. Er meint Brasiliens Weltstar Ronaldo, um dessen Gewicht der Weltmeister ein größeres Geheimnis macht als um seine Ambitionen bei dieser WM. Die Kroaten sollen es heute als erste zu spüren bekommen.

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