Sport : Im Niemandsland

Alba Berlin droht im Uleb-Cup das Aus, weil die Verteidigung eklatante Schwächen offenbart

Helen Ruwald

Berlin - Um sechs Uhr morgens stiegen die Basketballer von Alba Berlin gestern in Dünkirchen an der nordfranzösischen Atlantikküste in den Bus zum Brüsseler Flughafen. Um 13 Uhr rannten die Spieler bereits wieder durch den Grunewald, dann schickte Trainer Emir Mutapcic sie noch in den Kraftraum. Hier konnten sie sich abreagieren nach der 98:103-Niederlage im Uleb-Cup bei Gravelines Dünkirchen. „Wir sind enttäuscht, wir haben uns in eine schwierige Situation manövriert“, sagte Spielmacher Gerald Brown. Die Berliner, die nach vier Auftaktsiegen die vierte Niederlage in Folge im Uleb-Cup einsteckten, müssen nun die letzten beiden Spiele gegen Paok Saloniki (6:2-Siege) und Charleroi (5:3-Siege) gewinnen, um als einer der beiden Gruppenersten ins Viertelfinale einzuziehen. Noch ist Alba Dritter, punktgleich mit dem Vierten Podgorica (beide 4:4-Siege).

Die Mannschaft war enttäuscht, Teammanager Henning Harnisch sauer. Die Franzosen hatten keine Chance mehr auf das Erreichen der nächsten Runde, für die war es ein besseres Trainingsspiel, es ging um Stolz und Ehre. „Gegen so ein Team im ersten Viertel 24 Punkte zu kassieren, ist eine Unverschämtheit.“ Alba machte zwar ebenso viele Punkte, doch auch in der Defensive hätten die Berliner sofort „ein Signal setzen müssen“, sagt Harnisch, die Verteidigung aber sei so schwach gewesen, „dass jedes Durchschnittsteam dagegen gepunktet hätte“. Die Mannschaft sei von Mutapcic explizit auf die wichtigen ersten Minuten eingestellt worden – umsetzen konnte sie es allerdings nicht.

Selbst eine Zehn-Punkte-Führung im zweiten Viertel reichte Alba nicht, Dünkirchen hatte längst begriffen, wie verwundbar der Gegner war. „Wir haben sie erst heiß gemacht“, sagte Flügelspieler Matej Mamic, „wenn man 98 Punkte macht, muss man mit 10 oder 15 Zählern Vorsprung gewinnen.“ Stattdessen lag sein Team im letzten Viertel mit 79:88 zurück, kämpfte sich zwar in der letzten Minute noch einmal auf einen Punkt heran, doch zu einem Sieg reichte es nicht. Die Berliner trafen elf Dreipunktewürfe und verwandelten 17 von 19 Freiwürfen. Vorne stimmte alles, hinten nichts. „Wir haben zu wenig Aggressivität und Konzentration gezeigt“, monierte Mutapcic – nicht zum ersten Mal.

Erfolg in der Defensive ist laut Harnisch eine Frage des Talents, vor allem aber der Einstellung. Talent hätten alle Alba-Spieler, „danach sind sie ausgesucht worden“. Schließlich baut Albas gesamte Philosophie auf einer starken Verteidigung auf. Was also bleibt, ist die richtige oder eben nicht richtige Einstellung. Wobei Harnisch hier ein Paradox sieht: „Die Einstellung ist da, aber nicht, wenn das Spiel losgeht.“ Weil dieses Problem niemand so richtig erfassen, geschweige denn lösen kann, sind die Berliner ratlos. Harnisch weiß nur eines: „Wenn wir daran nicht arbeiten, bleiben wir im Niemandsland.“ Mutapcic war mit der Einstellung zufrieden, „aber wir müssen sie auch in Aggressivität umsetzen“. Die Mannschaft müsse begreifen, dass es nur einen Weg zurück zum Erfolg gebe – über eine gute Verteidigung.

Zeit zum Nachdenken und Hadern ist nicht. Am Freitag fliegt Alba nach Luxemburg und fährt von dort aus nach Trier, wo am Sonnabend das nächste Bundesligaspiel ansteht. „Wenn wir dort so spielen wie in Dünkirchen, brauchen wir gar nicht erst hinzufahren“, sagt Aufbauspieler Mithat Demirel.

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