Sport : Im Osten wenig Neues

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Von Christoph Daum

Noch steht der Höhepunkt dieser WM bevor, aber eine erste Bilanz kann man heute schon ziehen: Die Mannschaften sind näher aneinander gerückt, es fehlte an Genies, 31 Tage sind für eine Weltmeisterschaft doch zu lang. Und zwei Trends waren zu erkennen: ausgeprägtes Sicherheitsdenken einerseits, stürmische Begeisterung anderseits.

Taktisch hat die WM im Fernen Osten nicht viel Neues gebracht. Der Libero bleibt verschwunden, die Diskussion über Dreier- oder Viererkette ist weniger bedeutend als zuweilen gedacht. Entscheidend ist die Flexibilität der Spieler, nicht die Zahl der Kettenglieder. Immer seltener werden Gegenspieler direkt zugeordnet, immer öfter besteht der Sturm nur aus einem Spieler. Das Augenmerk liegt auf dem Mittelfeld: Wer hier eine Überzahl herstellt und sich der jeweiligen Spielsituation anpasst, hatte deutliche Vorteile im Spielaufbau und konnte den Ball viel früher erobern.

Das verbreitete Sicherheitsdenken hat der Attraktivität des Spiels geschadet. Es mag am frühen Ausscheiden der Favoriten gelegen haben oder an den personellen Problemen vieler Nationen, auf jeden Fall aber haben die meisten gelernt: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Was zählt, ist die Platzierung, Profifußball bleibt ein Ergebnissport.

Bleibenden Eindruck aber hinterlassen auch Teams wie Südkorea und Japan, die erfrischenden Offensivfußball geboten haben. Der erfolgreiche Aufstand der Underdogs wird in der alten Fußballwelt zu einem Umdenken führen. Überraschend, bei wie vielen Spielern fehlende Übersicht und mangelhafte Balltechnik zu beobachten waren. Erstaunlich, mit wie wenig Fantasie die Freistöße ausgeführt wurden. Das alles lässt sich, wie viele Teams erfuhren, nur vorübergehend durch Kampf und Lauf ausgleichen. Wir müssen die Attraktivität des Spiels wieder mehr in den Mittelpunkt unserer Ausbildung stellen: Ballbeherrschung, Begeisterungsfähigkeit, ständige Angriffsorientierung, Risikobereitschaft, überraschende Kabinettstückchen - darauf kommt es an. Anziehender und erfolgreicher Fußball muss kein Widerspruch sein, sondern kann sich ergänzen zu einer faszinierenden Mischung.

Die deutsche Mannschaft hat mit Disziplin, Zuverlässigkeit und Willensstärke zielstrebig das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht. Nach den mäßigen Resultaten der letzten Jahre wird wieder mit Achtung und Respekt von Fußball-Deutschland gesprochen, die Stimmung ist gut. Beste Voraussetzungen also: Wir freuen uns schon jetzt auf die WM 2006 in Deutschland.

Der Fußballlehrer Christoph Daum analysiert an dieser Stelle täglich die WM.

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