Sport : Im Rausch der Symbole

Karin Sturm

Rauchschwaden von Gegrilltem durchziehen die Luft, überall hängen kleine Landesfahnen, und auf Plastiktischen stehen Bierdosen. Es herrscht lockere Stimmung auf dem Campingplatz, nichts Ungewöhnliches also. Ungewöhnlich ist nur, wo dieser Zeltplatz liegt. Zumindest für malayische Verhältnisse ist es ungewöhnlich. Denn die Camper haben ihre Zelte direkt neben dem Formel-1-Kurs von Sepang aufgeschlagen. Die Welt der Formel 1 hat nun endgültig auch Malaysia erreicht. Den Campingplatz haben die Veranstalter erst in diesem Jahr eingerichtet. Als Zuschauermagnet. Noch mehr Fans sollten an den Kurs kommen. Die Formel 1 sollte sich stärker in die Herzen der Bewohner drängen.

Denn hier geht es nicht allein um Sport. Für den haben sie in Malaysia Hockey. Hier geht es um Politik und Wirtschaft, hier geht es um Prestige und harte Dollars. Für Sponsoren und Top-Manager der Formel 1 war Süd-Ost-Asien schon immer ein sehr interessanter Markt. Sie dachten an die Dollars. Die Autoritäten von Malaysia, der Staatspräsident, der König, die Minister, dachten ans Prestige. Geld hatten sie genug, aber sie wollten auch eine Bühne für die Dokumentation der eigenen Bedeutung. Und die Formel 1 war die am hellsten ausgeleuchtete Bühne, die sie sich vorstellen konnten. 350 Millionen Fernseh-Zuschauer pro Rennen, mehr Bühne geht nicht.

Die Mächtigen mussten ja niemanden fragen. Das Volk ist nur Staffage im Spiel der oberen 100. Hier zählt, wie sehr sich die Elite des Landes an sich selber und an ihren Symbolen berauscht. Also wurde ein hochmoderner Rennkurs in die Landschaft betoniert, für rund 80 Millionen Euro. Es gibt Beobachter, die fühlen sich an die von der Nazi-Propaganda monströs überhöhten Olympischen Spiele 1936 erinnert, wenn in Sepang Rennen gefahren werden. 1999 fand der erste Formel-1-Grand-Prix statt, Fahrer, Betreuer, Journalisten, Fans, sie alle wurden optimal versorgt. Aber das Ganze hatte etwas von hohler Künstlichkeit. Es fehlte die Wärme. Die atmosphärische Wärme.

Wo sollte sie herkommen? Die Bevölkerung hatte keinen Draht zu diesem Kurs. Er war ein seelenloses Monument, viel zu groß, viel zu pompös, viel zu sehr entfernt von ihrem Gefühl für Sport. Die Zuschauerzahlen waren so gering, dass 2001 die Verantwortlichen drohten, die Live-Übertragungen im eigenen Land zu verbieten. Erst im letzten Moment wurde der Plan fallen gelassen. Aber für 2002 musste ein Campingplatz her.

Inzwischen haben sich einheimische Sportfans und Formel 1 angenähert. Nicht zuletzt aufgrund der inzwischen recht zahlreichen Sponsoren aus Malaysia. Sie sorgten indirekt mit vielen Dollars dafür, dass Alex Yoong im Cockpit eines Minardi sitzt. Yoong kommt aus Malaysia, das schafft Nähe. "Die Unterstützung durch die Fans könnte noch größer sein, aber ich bin trotzdem sehr zufrieden", sagt Yoong. Minardi ist das eine Team, bei dem Geld aus Malaysia eine wichtige Rolle spielt. Sauber ist das andere.

Durch ihre Partnerschaft mit Petronas, der staatlichen Ölgesellschaft Malaysias, haben die Schweizer einen Sonderstatus unter den Formel-1-Teams. Die Sauber-Piloten Nick Heidfeld und Felipe Massa sind fast so oft in den Zeitungen wie Michael Schumacher, der Weltmeister. Die Autogramme der Sauber-Fahrer und die Merchandising-Artikel von Sauber sind überaus begehrt. "Jetzt müssen wir nur noch Punkte holen", sagt Heidfeld. "Das ist Sauber in Sepang ja leider nie gelungen." Das Sportministerium hat nun sogar eine eigene Nachwuchsformel gegründet, die Formel Malaysia. Zehn Malaysier und zehn Japaner sollen im ersten Jahr fahren.

62 000 der 100 000 Tickets sind im Vorverkauf abgesetzt worden. Bemerkenswert, schließlich sind die Preise astronomisch hoch, zumindest für ein Land, dessen Durchschnittsverdienst 500 Euro beträgt. Da muss man sich schon aufs Wesentliche konzentrieren: Am ersten Trainingstag waren die Tribünen gähnend leer. Alle warteten auf den entscheidenden Tag, den Renntag.

Schumacher vor Montoya

urm . Tibor Weißenborn ist vor einer Woche Hockey-Weltmeister in Kuala Lumpur geworden. Dass er sich auch im Formel-1-Geschäft auskennt, zeigte der Berliner mit seinem Tipp vor dem Qualifying in Sepang: "Michael Schumacher wird vorne sein - und Montoya scheint ja auch sehr stark zu sein." So war es. Schumacher sicherte sich im Ferrari mit 1:35,266 die vierte Poleposition in Sepang hintereinander, doch der Kolumbianer kam im BMW-Williams bis auf zwei Zehntel an ihn heran. Es folgte Rubens Barrichello im zweiten Ferrari vor Ralf Schumacher im zweiten BMW. Einen guten Auftritt hatte Nick Heidfeld, der im Sauber auf Platz sieben fuhr. Für Heinz-Harald Frentzen reichte es im noch sehr neuen und wenig getesteten Arrows zu einem guten elften Startplatz.

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