Sport : Im Reich der Phantasie

Zinedine Zidane muss gegen Juventus Turin auch das Gute im Fußball verteidigen

Stefan Hermanns

Wenn man sich ein bisschen Pathos erlaubt, könnte man sagen, dass der Tag im Februar 2001 das Leben des Sebastian Deisler verändert hat. Zumindest sein Fußballerleben. Deisler, gerade 21 Jahre alt, spielte an diesem Abend mit der deutschen Nationalmannschaft im Stade de France gegen den Weltmeister Frankreich. Und er spielte gegen Zinedine Zidane, den besten Fußballer der Welt. Deisler sagt, er habe als Kind nie ein Idol gehabt, „aber wenn ich heute Zidane zuschaue, dann springe ich vor dem Fernseher auf und feiere mit. Was der mit dem Ball anstellt – er hat ihn am Fuß und versteckt ihn einfach, sodass keiner mehr weiß, wo er ist.“ Die deutschen Fußballer waren an diesem Abend im Februar 2001 ein dankbares Varieté-Publikum für Zizou den Zauberer, aber Deisler hat nicht nur über die schönen Tricks gestaunt. Seit diesem Abend versucht er, ein bisschen so zu spielen wie Zidane.

Im Juni wird der Franzose 31 Jahre alt, zwei Jahre will er noch spielen, und wenn er dann seine Karriere beendet, werden Dichter Epen über ihn schreiben. Kaum ein Fußballer vor ihm hat die Phantasie der Intellektuellen so sehr angeregt wie Zidane. Oder besser: wie sein Spiel. Günter Netzer wurde in Deutschland auch deshalb besungen, weil er lange Haare trug, als seine Kollegen noch aussahen wie Panzerschützen, weil er Ferrari fuhr und eine Diskothek betrieb. Der fast schüchterne Zidane aber spricht nicht durch sein Aussehen oder seine Aussagen, er spricht allein durch seine Ballbehandlung.

Es gibt ein Bild aus dem Viertelfinale der Champions League zwischen Manchester und Madrid, eine fast perfekte fotografische Komposition: Zidane aufrecht in der Mitte, von links rutscht Ole Solskjaer heran, von rechts Nicky Butt, aber Zidane hat den Ball schon über sie hinweggespielt. Er schreitet durch seine Gegner hindurch wie Moses durch das geteilte Meer.

Doch Zidane ist nicht immer derart elegisch gefeiert worden. Der „Stern“ hat über ihn geschrieben: „Er stand lange unter dem Verdacht, ein französischer Andy Möller zu sein.“ Solange, bis er im WM-Finale 1998 gegen Brasilien zwei Tore köpfte. Zwei Jahre später wurde er mit Frankreich Europameister, und mit Real hat er im vergangenen Mai die Champions League gewonnen. Im Finale gegen Leverkusen erzielte er das Tor zum 2:1-Endstand. Zuvor aber hatte Zidane drei europäische Endspiele verloren. 1996, nachdem er mit Bordeaux im Uefa-Cup-Finale an den Bayern gescheitert war, wechselte Zidane zum amtierenden Champions-League- Sieger Juventus Turin – und verlor 1997 das Endspiel gegen Dortmund und 1998 gegen Real. Es wäre die ganz persönliche Tragik des Zinedine Zidane, wenn er jetzt im Halbfinale der Champions League mit Real gegen seinen alten Klub Juventus ausscheiden würde.

Die Zuschauer in Turin werden ihn heute Abend auspfeifen, „weil sie ihn nie richtig geliebt haben“, wie die „Gazzetta dello Sport“ schreibt. „Sie haben ihn nicht verstanden.“ Umgekehrt war es wohl genauso. Das Duell Juve gegen Real ist längst zum Kampf der Kulturen stilisiert worden: hier die freien Künstler aus Madrid, da die disziplinierten Verhinderer aus Turin – und mittendrin Zidane. Nach Reals dürftigem 2:1-Sieg im Hinspiel hat der Franzose gesagt: „Juventus hat das Spiel gemacht, das ich erwartet hatte.“

Dieses Spiel ist nie das Spiel des Zinedine Zidane gewesen. Fünf Jahre stand er bei Juventus unter Vertrag, und oft fühlte er sich eingeengt von den taktischen Zwängen. Bei Real gibt es solche Zwänge für ihn nicht. „Ich genieße auf dem Platz die totale Freiheit“, sagt Zidane. Als er noch für Juventus spielte, haben ihn seine alten Freunde aus Marseille häufiger angerufen und gefragt: „Wann sehen wir dich wieder so dribbeln und zaubern wie früher auf der Straße?“ Die Frage hat sich inzwischen erübrigt.

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