Sport : Im Rhythmus

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Von Frank Bachner

Berlin. Eigentlich hätte die passende Antwort so lauten müssen: „Donnerwetter.“ Oder: „Ich weiß nicht so recht.“ Oder auch: „Wow, eine große Ehre für mich.“ Aber Michael Ruhe sagte nur: „Ja“. Und das war entweder merkwürdig oder souverän. Damals war das nicht ganz klar gewesen.

Mit einem Wörtchen begann der ungewöhnliche Aufstieg des Michael Ruhe zum Schlagmann des Deutschland-Achters. Mit Ruhe am Schlag wurde Deutschland 2001 Dritter der Weltmeisterschaft, ein Jahr nach der peinlichsten Achter-Schlappe. Da war das Boot nicht mal für Olympia qualifiziert. Am Schlag saß damals ein anderer.

Dieter Grahn, der Trainer, hatte Ruhe gefragt, ob der Schlagmann werden wolle. Das war 2000, und Ruhe saß noch, trainiert von Grahn, im U-23-Achter, als einfaches Besatzungsmitglied. Klaus Rogge, der U-23-Schlagmann, war gerade in den Olympiakader aufgerückt, ein Platz war frei und Grahn in Verlegenheit. „Ich hatte niemanden.“ Na ja, er hatte Ruhe, und brutal gesagt, war Ruhe nur die beste von allen schlechten Lösungen. „Ich wäre normalerweise nie auf die Idee gekommen, ihn zum Schlagmann zu machen“, sagte Grahn. „Er war körperlich nicht stark genug.“

Es war ein Experiment, und Grahn war nicht sonderlich wohl dabei. Ruhe ist zwei Meter groß, aber er besitzt keine Bärenkräfte. Das war Ruhe natürlich bewusst. Er könnte sich fürchterlich blamieren, wenn er zusagte. Er sagte „Ja“. Denn Ruhe hat Gefühl fürs Rudern, viel Gefühl, und das gab für Grahn den Ausschlag. Mit Ruhe am Schlag wurde der Achter U-23-Weltmeister. Nach Olympia wurde Grahn dann Trainer des Deutschland-Achters, Rogge setzte ein Jahr aus, und Ruhe blieb 2001 am Schlag. Und führte das Boot zu WM-Bronze.

„Derzeit ist er am Schlag nicht wegzudenken“, sagt Grahn. Ruhe hat das „richtige Rhythmusgefühl, und er kann mit den anderen gut umgehen“. Vor Olympia waren die Achterleute noch zerstritten, jetzt, sagt Grahn, „herrscht ein großer Teamgeist“. Bei der WM im September peilt das Boot Silber an. Gestern, bei der deutschen Meisterschaft in Berlin, wurde der Deutschland-Achter zwar von einem so genannten Ersatzachter besiegt, doch völlig überraschend kam das nicht. Die Mitglieder von Grahns Paradeboot hatten 90 Minuten zuvor noch im Vierer beziehungsweise im Zweier antreten müssen. Ihre Erholungspause war schlicht zu kurz. Vor zwei Wochen hatte der Deutschland-Achter in Duisburg noch souverän Weltmeister Rumänien besiegt.

Doch Ruhe ist erst 22, er würde scheitern, wenn er Routiniers im Boot hätte, ältere Ruderer, die sich von einem 22-Jährigen nichts sagen ließen Aber die Älteren im Boot gibt es nicht mehr, der Achter besteht fast ausschließlich aus der früheren Besatzung des U-23-Weltmeister-Boots.

„Wenn die Mannschaft über Mängel und Veränderungen redet“, sagt Grahn, „taucht nie die Frage nach dem Schlagmann auf.“ Aber Ruhes Stellung ist nie zementiert. Das lässt Grahn den Schlagmann immer spüren. Vor kurzem etwa hat er mal laut darüber nachgedacht, dass er noch einen weiteren Schlagmann benötige als Alternative, wenn etwas mit Ruhe sein sollte. Da hörte der Regisseur im Boot sehr genau zu. Und ackerte noch mehr. „Der kämpft sehr entschlossen um seine Position“, sagt Grahn. Er sagt den Satz leise. Aber er grinst zufrieden dabei.

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