Sport : Im Rückwärtsgang

Beim New-York-Marathon sind deutsche Läufer nur Statisten – Folge einer fehlenden Talentsichtung

Jörg Wenig[New York]

Ulrich Steidl kennt nur ein Thema: Marathon. Sein ganzer Alltag orientiert sich daran. Den Job als Chemielehrer hat er aufgegeben, derzeit ist der 34-Jährige der beste deutsche Marathonläufer. Seine Saisonbestzeit steht bei 2:16:02 Stunden, kein nationaler Konkurrent war in diesem Jahr schneller als er. Steidl startet zwar für den SSC Hanau-Rodenbach, aber er lebt in den USA. Zuletzt lief er beim Frankfurt-Marathon, doch dieser Einsatz war ernüchternd für ihn: Er belegte lediglich Rang 24 in 2:24:37 Stunden. Der Sieger Wilfred Kigen aus Kenia gewann in 2:09:06 Stunden. Und das ist noch nicht einmal eine Weltklassezeit – der räumliche Abstand zum besten Deutschen betrug trotzdem fast fünf Kilometer.

Dass beim Marathonspektakel in New York am Sonntag kein deutscher Läufer auf der Liste der Topathleten steht, versteht sich von selbst. Das ist bei den Männern schon lange so. Das Rennen in New York ist das letzte der World-Marathon-Majors-Serie (WMM) in diesem Jahr. Zu diesem Zusammenschluss der fünf hochkarätigsten Rennen weltweit gehören noch Boston, London, Berlin und Chicago. Die besten fünf Läufer erhalten bei jedem Rennen Punkte, und am Ende eines Zwei-Jahres-Zyklus wird ein Jackpot von einer Million Dollar unter den Siegern (Männer und Frauen) ausgeschüttet. Auch in dieser Wertung wird sich nach dem ersten Jahr kein deutscher Name finden.

Wie kann der deutsche Langstreckenlauf aus der Krise geführt werden, die trotz der überraschenden Goldmedaille über 10 000 Meter bei den Europameisterschaften im August durch Jan Fitschen (Wattenscheid) nach wie vor existiert? Diese Frage diskutierten Fachleute vor kurzem bei einer Veranstaltung.

„Die Welt hat sich weiterentwickelt, doch wir sind stehen geblieben oder sogar ein bis zwei Schritte rückwärtsgegangen“, sagte Wolfgang Heinig, der ehemalige Bundestrainer. Herbert Steffny, der 1984 als Dritter das nach wie vor beste Resultat eines Deutschen im New Yorker Männerfeld erreichte, erklärte: „Viel zu viele ziehen sich viel zu schnell zurück und geben mit dem Argument auf, dass die Läufer aus der Dritten Welt sowieso alle Preisgelder abgrasten. Aber das ist zu einfach. Einige müssten stattdessen einmal voll aufs Laufen setzen.“ Dieter Hogen, der unter anderen die bis heute einzige deutsche New-York-Marathonsiegerin Uta Pippig betreute, glaubt, dass es noch schlimmer wird: „Zukünftig werden noch weniger weiße Läufer mithalten können. Ich glaube, es wird deutlich mehr schwarze Topläufer geben, da sich in Afrika viel entwickelt.“

Die Talentfindung und -entwicklung ist der zentrale Punkt. „Wahrscheinlich“, sagte Steffny in Anspielung auf die Konkurrenz durch Zeitgeist-Sportarten, „steht der potenziell beste deutsche Marathonläufer auf einem Surfbrett.“ Es müssten, sagt auch Hogen, viel mehr Kinder in Deutschland zum Laufen gebracht und in Vereinen gut betreut werden. „Das hieße, dass man viel Geld in den Nachwuchs stecken müsste, um dann auch die Talente bei der Stange zu halten und zu entwickeln.“ Eine soziale Absicherung sei dann der nächste Schritt. Hier liefert Japan ein gutes Beispiel, denn dort werden junge Läufer nach der Schule in Firmenteams betreut. Dadurch ist trotz des Leistungssports die berufliche Entwicklung abgesichert. Ohne Hilfe aus der Wirtschaft und einer Kooperation mit den Lauf-Veranstaltern ist so ein Konzept in Deutschland aber nicht umsetzbar. Vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) erwartete keiner der Anwesenden entsprechende Initiativen. Eingeladene DLV-Vertreter hatten aus Termingründen ihre Teilnahme an der Diskussion abgesagt.

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