Sport : Im Sachsen-Kessel

Das Leipziger Zentralstadion ist eröffnet, die Stadt lechzt nach Fußball, ihr bester Klub versagt

Andre Görke,Robert Ide

Leipzig. Das Fußballspiel war noch nicht angepfiffen, da wurde es auf der Nordtribüne richtig laut. „Chemie steigt ab! Chemie steigt ab!“ Immer stärker hallten die Schreie. „CHEMIE STEIGT AB!“ Es war 13.51 Uhr im neuen Leipziger Zentralstadion, als nach Jahren der Tristesse wieder Stimmung herrschte. Auf der Nordtribüne hatten sich Fans des VfB Leipzig breit gemacht – dabei waren die gar nicht eingeladen an diesem Sonntag. Und dass sie dann über die Schalensitze stürmten, war auch nicht vorgesehen. Auf dem Rasen spielten die Regionalliga-Fußballer des FC Sachsen, ehemals Chemie Leipzig, gegen die Amateure von Borussia Dortmund. Es war die Stadioneröffnung in Leipzig – vor 28 000 Zuschauern.

Die Messestadt ist Spielort der Fußball- WM 2006. Im November läuft hier die deutsche Nationalmannschaft gegen Kamerun auf. „Leipzig lechzt nach großem Fußball“, sagte Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, als er die Tribüne hinauflief. „Wir haben die Rahmenbedingungen für die WM geschaffen. Andere Städte haben das nicht geschafft.“ Mehr als 90 Millionen Euro hat die Arena gekostet, den Großteil davon zahlt der Bund. Michael Kölmel, der den FC Sachsen mit Millionenkrediten unterstützt hatte, bis er mit seinem Unternehmen Kinowelt in die Insolvenz geraten war, ist Besitzer des Stadions. Zur Eröffnung setzte er sich wortlos auf seinen Ehrenplatz – und genoss die Aussicht auf die gut gefüllten Tribünen.

Die Arena ist in den Kessel des alten, wuchtigen Zentralstadions gebaut worden, in dem einst Leipziger Fußballer vor 100 000 Zuschauern um europäische Titel spielten. Für Amateurfußball sei das neue Stadion mit seinen 45 000 Plätzen zu schade, befand Tiefensee: „Nichts wäre mir lieber, als dass wir aus der Regionalliga aufsteigen. Aber in der Vergangenheit wurde viel Geld in den Sand gesetzt. Es muss endlich mehr Qualität her.“ Das letzte Mal sah Leipzig großen Fußball vor zehn Jahren: Da empfing der VfB in der Bundesliga den FC Bayern.

Heute steckt der FC Sachsen Leipzig im Abstiegskampf, der VfB Leipzig hat Insolvenz beantragt. In den Katakomben des neuen Stadions aber träumten Wirtschaftsbosse und Politiker am Sonntag vom Profifußball. Zehn Euro konnten sie bei einem Wettspiel einsetzen – zugunsten des lokalen Fußballs. Geld braucht aber auch die Stadt: Das Stadion wird teurer als geplant. Der Weltverband Fifa habe neue Anforderungen für die WM gestellt, etwa schärfere Sicherheitsbestimmungen und einen größeren Pressebereich, berichten Kenner aus dem Leipziger Rathaus. Die Kosten sollen deshalb um „einen zweistelligen Millionenbetrag“ steigen. Wer dafür aufkommen muss, ist zwischen der Stadt und den Stadionbetreibern umstritten.

Das Interesse des Publikums ist dafür groß. Das Spiel konnte erst mit einer Viertelstunde Verspätung angepfiffen werden, weil viele Fans noch an den Eingängen umherirrten. So begeistert die Zuschauer waren – so schlecht war der Fußball. 0:1 endete die Partie. Wolfgang Tiefensee hatte 2:1 getippt.

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