Sport : Im Schatten des Chefs

Warum Michael Thurk Mainz verlassen will

Daniel Meuren[Mainz]

Im Trainingslager im niederbayerischen Bad Gögging griff Jürgen Klopp kürzlich zur Auflockerung des tristen Trainingsalltags zu ungewöhnlichen Waffen. Biathlonlegende Fritz Fischer weihte im Auftrag des Trainers des Fußball-Bundesligaklubs FSV Mainz 05 die Spieler beim Sommerbiathlon in die Kunst des Schießens mit stark erhöhtem Puls ein. Michael Thurk erkannte die Schwäche in den Spielregeln in Form unverhältnismäßig kurzer Strafrunden und schoss im Schnellfeuer zum offensichtlichen Ärger der anderen absichtlich vorbei, um die Übung trotz Strafrunden als Erster zu beenden.

Wie im Wettkampf um die Biathlonkrone verstößt Thurk zurzeit des öfteren gegen die üblichen Umgangsformen im Mainzer Kader. So warf der 30 Jahre alte Torjäger gegenüber den anwesenden Journalisten seinem Verein und Trainer Klopp vor, ihn „betrogen und belogen“ zu haben. „Die haben mir das Interesse verschiedener Bundesligaklubs wie Frankfurt und Leverkusen an meiner Person verschwiegen“, erzürnte sich der gebürtige Frankfurter. Zudem habe Klopp seinen Schützling vor der WM nicht ausreichend als Nationalelfkandidat ins Gespräch gebracht. Thurk will jetzt weg. Am liebsten zum Rivalen nach Frankfurt, wo er als Kind zur Eintracht gegangen ist, heute noch wohnt und in der nächsten Saison im Uefa-Cup spielen könnte.

Seither herrscht Unruhe in der Fußball-Idylle von Mainz. Thurk hat seinen Verein dazu gebracht, ihn trotz akuten Stürmermangels ziehen zu lassen, sofern ein Verein bereit ist, die Ablösesumme von rund zwei Millionen Euro zu zahlen. „Es macht keinen Sinn, einen Spieler zu halten, der offenbar nichts mehr von Mainz 05 hält“, sagt Manager Christian Heidel.

Der FSV sieht sich plötzlich mit den allzu menschlichen Problemen des Profigeschäfts konfrontiert. Michael Thurk musste nur lange genug stänkern und für schlechte Laune sorgen, um seine Freigabe aus dem bis 2008 datierten Vertrag zu erzwingen. Der Hesse verließ Mainz bereits vor zwei Jahren unter besonderen Umständen. Damals fühlte er sich beim ewigen Zweitligisten nicht mehr seinen Fähigkeiten entsprechend aufgehoben. Thurk provozierte die Verantwortlichen mit betont unmotiviertem Auftreten im Training und verabschiedete sich gen Cottbus – nicht ohne die Mainzer am letzten Spieltag auf Kosten seines neuen Klubs mit zwei Toren in die Bundesliga zu schießen. Ein halbes Jahr später kehrte er nach einer verkorksten Halbserie reumütig an den Bruchweg zurück, wo man ihm eine zweite Chance gewährte und kürzlich gar eine berufliche Perspektive nach dem Karriereende anbot.

Womöglich liegt die Ursache von Thurks wiederholtem Fehlverhalten in der Person Jürgen Klopps begründet. Als der vor seinem Wechsel auf die Trainerbank noch Mannschaftskamerad von Thurk war, bildeten die beiden eine Fahrgemeinschaft. Der junge Stürmer schaute zum neun Jahre älteren Teamkollegen auf wie zu einem Mentor. Nachdem Klopp 2001 Trainer geworden war, gingen Fahrgemeinschaft und Freundschaft zu Ende. Zuletzt bezeichnete Thurk seinen Trainer nur noch als „Oberguru“. Möglicherweise verkraftet er nicht, dass Klopp die gesamten Sonnenstrahlen auf sich zieht, während seine Kicker im Schatten stehen. Die meisten der Spieler mögen das Leben im Hintergrund, Michael Thurk hatte vermutlich spätestens seit dem Starrummel um Klopp im Nachklang seines Auftretens als WM-Experte des ZDF genug davon. Bei einem Testspiel in Ingolstadt verließ Thurk ohne eine einzige Anfrage nach einem Autogramm das Stadion, während Klopp noch von einer Hundertschaft an Autogrammjägern umlagert war.

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