Sport : Im Schatten einer Serie

Warum das Problem der Eisbären nicht nur Nürnberg heißt

Claus Vetter

Berlin. Chris Hamilton grinste. So nach dem Motto: Na, da kommt ja der Otto endlich. Und wie der ankam. Im Sauseschritt. Otto Sykora, Manager der Nürnberg Ice Tigers, und Hamilton, Psychologe der Nürnberg Ice Tigers fielen sich in die Arme. Herzlich und überkandidelt wirkte die Szene, die sich da am späten Dienstagabend im Sportforum dem Betrachter bot. Schuld an den Euphorieausbrüchen der beiden Herren aus Nürnberg war nicht ein Eishockeyspiel, es waren vier Eishockeyspiele. Nürnberg hatte nämlich schon wieder gegen die Berliner Eisbären gewonnen, dem Tabellenführer der Deutschen Eishockey-Liga bereits die vierte Niederlage der Saison beigefügt.

Für Hamilton war der Fall klar. Der britische Chefmotivator aus Franken, früher schon mal bei den Kölner Haien und Fußball-Bundesligist 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag, sagte: „Die vier Spiele gegen Berlin wurden im Kopf entschieden. Wir sind mental viel gefestigter als die Eisbären. Darüber könnte ich Tage referieren.“ Doch so viel Zeit hatte Hamilton nicht. Der Nürnberger Tross machte sich auf den Weg, angeführt von einem gut gelaunten Greg Poss, der den 3:0-Erfolg seiner Mannschaft aber nicht zelebrieren wollte. „Für mich bleiben die Eisbären der Meisterschaftsfavorit“, sagte der Trainer. „Die haben schon eine Super-Mannschaft.“

Bei der „Super-Mannschaft“ allerdings machte sich, nachdem die Ice Tigers verschwunden waren, Ratlosigkeit breit. „Ich verstehe es nicht, dass wir gegen die kein Mittel finden“, sagte Eisbären-Stürmer Yvon Corriveau. „Bis zum ersten Gegentor waren wir ja ganz gut, aber dann …“ Bis zur 31. Minute hatten die Berliner ein halbes Dutzend bester Chancen vergeben. Doch nach dem 0:1 wollte oder konnte sich das Team nicht gegen die drohende Niederlage stemmen. Stürmer Kelly Fairchild, stahl sich gar aus der Verantwortung: Zunächst beschimpfte der US-Amerikaner den Schiedsrichter mit zwei kurzen Worten in seiner Muttersprache. Daraufhin erhielt er eine Zehn-Minuten-Strafe. Fairchild beschwerte sich gleich noch mal und hatte sich den – für ihn anscheinend erlösenden – vorzeitigen Weg in die Kabine geebnet. Er ist somit heute, beim Spiel der Eisbären in Iserlohn, gesperrt.

Das ist noch keine Katastrophe, findet Peter John Lee. „Es ist gut, dass wir verloren haben“, sagt der Berliner Manager sogar. „Sonst hätten wir den ersten Platz schon sicher gehabt und in den letzten fünf Spielen der Hauptrunde nicht mehr kämpfen müssen.“ So kann man es auch sehen, oder auch nicht. „Mich ärgert, dass einTeam wie Nürnberg härter arbeitet als wir“, sagt Eisbären-Trainer Pierre Pagé. Es ist eben eine Hypothek, wenn die Abteilung Kampf unterbesetzt ist. Diese leidvolle Erfahrung haben die Eisbären schon vergangene Saison machen müssen, als sie gegen Krefeld im Halbfinale ausgeschieden waren. Und jetzt lebt es sich mit der Last, keinen Punkt gegen Nürnberg geholt zu haben, nicht komfortabel. „Wenn wir Nürnberg in den Play-offs wiedersehen, haben wir das im Hinterkopf“, sagt Corriveau. „Allerdings haben wir vor ein paar Jahren auch mal alle Spiele gegen Mannheim in der Hauptrunde gewonnen und sind dann in den Play-offs gegen die ausgeschieden.“

Stimmt. Ein Unglück hat sich für die Berliner mit der vierten Niederlage gegen Nürnberg nicht ereignet. Die Eisbären haben noch nicht die Meisterschaft verloren – wohl nur ein Stück vom Glauben daran. Aber das wiederum kann ja auch motivierend sein.

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