Sport : Im Schatten Schumachers

Montoya hat auch nach dem Sieg des Formel-1-Weltmeisters in Monza noch Chancen auf den WM-Titel

Frank Bachner

Monza. Juan Pablo Montoya trug ja nun diesen Helm. Genau besehen, war das gar nicht so schlecht, womöglich hätte er sich sonst in diesem Moment noch gelangweilt am Ohr gekratzt. Ist ja auch wirklich nichts Besonderes, bei einem Formel-1-Rennen bei Tempo 300 km/h den Weltmeister so hart zu attackieren, dass zwischen die Reifen von Montoyas BMW-Williams und Schumachers Ferrari höchstens noch die Reclam-Ausgabe von Goethes „Faust“ gepasst hätte. „Ich fühlte nichts Besonderes“, sagte Montoya, „man macht da seinen Job, das ist doch völlig normal. Ich hatte kein Gefühl, als wäre da etwas anders als sonst.“ Möglicherweise verhinderte nur ein letzter Rest von Höflichkeit, dass der Kolumbianer nach dem Großen Preis von Italien jenen Reporter nur fassungslos anstarrte, der auf diese offensichtliche absurde Frage kam: Treibt so ein riskantes Manöver den Puls hoch?

Montoya ist also ganz cool, das ist ja nichts Neues, aber man musste diese betont abgeklärte Miene sehen, mit der er seine Coolness unterstrich. Zu betont abgeklärt, das war alles nicht ganz glaubhaft. Aber so reagiert man wohl, wenn in einem Ärger und Frust nagen. Montoya kam ja beim Großen Preis von Italien in Monza nicht an Schumacher vorbei, bei der Attacke nicht und, schlimmer noch, im ganzen Rennen nicht.

„Der Juan hat es absolut drauf, Weltmeister zu werden. Nervlich ist er so stark wie Michael Schumacher“, sagt Mario Theissen bloß. Der Motorsport-Direktor von BMW-Williams hat einen Fuß lässig auf eine Querstrebe vor dem BMW-Motorhome gestellt, und er redet über die Chancen, die sein Team und sein Spitzenfahrer Montoya jetzt noch haben, um den WM-Titel zu holen.

Die Nervenstärke ist auf jeden Fall schon mal da. Ohne sie hätte Montoya jetzt allerdings auch ein Problem. „Denn jetzt kann man kein schlechtes Ergebnis mehr wettmachen“, sagt Theissen. Zwei Rennen stehen in der Formel-1-Saison noch aus, in Indianapolis und in Suzuka, und die Frage ist jetzt: Kommen irgendeinem der Top-Teams diese Kurse entgegen. Kimi Räikkönen ist ja auch noch im Spiel, mit sieben Punkten Rückstand auf Schumacher zwar, aber im silberfarbenen Motorhome von McLaren-Mercedes steht Sportchef Norbert Haug und sagt mit feinem Lächeln: „Es läuft auf einen Zweikampf Schumacher - Montoya raus, aber manchmal gibt es noch einen lachenden Dritten.“ Räikkönen zum Beispiel. „Aber es wird schwer, das muss man sagen“, schiebt Haug hinterher, und jetzt lächelt er nicht mehr.

Wer hat Vorteile in Indianapolis und Suzuka? Da könnte man auch würfeln. Die schlichte Wahrheit lautet nämlich: keines der drei Spitzenteams. Suzuka hat schnelle Kurven, hier muss einer mit viel Haftung fahren und deshalb mit einer großen Motorenleistung den entsprechenden Widerstand wettmachen. Das spräche eigentlich für BMW-Williams. Aber seit Monza sind sie dort einigermaßen ernüchtert. Monza hat auch schnelle Kurven, trotzdem jagte der Ferrari als Sieger durchs Ziel. Denn Schumachers Team, erzählt ein Insider, hat den Boliden in harter Arbeit auf nahezu 900 PS hochgezüchtet. Die Italiener tauchten bei Tests vor Monza gleich mit vier Autos auf, zwei für jeden Fahrer. Ein völlig unüblicher Aufwand. Michael Schumacher mit seinem phänomenalen Fahrgefühl erledigte den Rest. „In den schnellen Kurven war der Reifenvorteil für uns kaum spürbar“, sagt Theissen. BMW-Williams hat wie McLaren-Mercedes Michelins angeschraubt, Ferrari fährt Bridgestone. Möglich natürlich, dass einer aus dem Spitzentrio in Indianapolis von der Strecke rutscht, Schumacher zum Beispiel, dann sieht alles wieder anders aus. Wenn allerdings Montoya und Räikkönen vorzeitig ihren Dienst beenden müssten und Schumacher siegt oder Zweiter wird, dann steht der Ferrari-Pilot schon vor Suzuka als Weltmeister fest.

Und im Übrigen: So cool wie Montoya ist Schumacher allemal. Sein Puls bei der Montoya-Attacke? „Ach, das war doch eine ganz normale Situation. Da macht man seine Arbeit, fertig. So was wollen die Leute sehen.“

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