Sport : Im Schmelztiegel

Jimmy White kämpft bei der Snooker-WM in Sheffield gegen das Image des ewigen Verlierers

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Berlin - Dieser eine Kommentar sollte Eingang finden in das britische Sportgedächtnis. „Er beginnt mich langsam zu ärgern“, sagte Jimmy White im Jahre 1994, als er erneut im Finale der Snooker-Weltmeisterschaft unterlegen war. Gemeint war Stephen Hendry, der siebenfache Weltmeister, gegen den er just zum dritten Mal in Folge (und zum vierten Mal insgesamt) verloren hatte – weil er im entscheidenden letzten Spiel einen leichten schwarzen Ball nicht versenken konnte. Hendry war in diesem Moment endgültig zu seinem Fluch geworden: Er, einer der besten Snooker-Spieler aller Zeiten, stand zwar sechsmal im Endspiel, ist aber bis dato nie Weltmeister geworden.

Heute ist White 43 Jahre alt, und er wird in Sheffield, wo gestern die WM begonnen hat, wegen dieses Makels wieder zittern. Das aufgedunsene Gesicht verrät, dass er die letzten Jahrzehnte nicht enthaltsam gelebt hat: Ganz Sport-England weiß, dass er sich gern ein Glas Whisky genehmigt. White avancierte in den Achtzigerjahren zu einem Star in der Königsdisziplin des Billards.

White verkörpert die Sehnsüchte der „working class“: Er spielte wild und offensivfreudig, er provozierte das Establishment, er trank wie ein Hafenarbeiter, er stürzte ab, stand wieder auf und gewann insgesamt zehn Turniere. Dass er immer im entscheidenden Moment versagte, hat ihm niemand vorgeworfen. Es wissen doch alle um die Nervosität ihres Helden. Bevor White die letzten vier Stufen des „Crucible Theatre“ in Sheffield hinausgeht und sich der Vorhang öffnet, zittern ihm derart die Hände, dass ihm jemand die letzte Zigarette vor dem Auftritt anzünden muss.

Seit 1977 hat sich der „Schmelztiegel“, wie das Theater im Stadtzentrum Sheffields heißt, zu einer mythischen Stätte des englischen Sports entwickelt. Von außen macht der graue Betonbau nicht viel her, auch das Innere genügt schon lange nicht mehr den Ansprüchen des modernen Profisports. Nur gut 950 Zuschauer fasst das enge Auditorium, das wie ein Trichter auf die Spieltische zuläuft, Logen für Sponsoren gibt es nicht. Auch die Vorbereitungsräume für die Profis sind zu klein. In diesem Jahr ist zudem das Preisgeld knapper als zuletzt (der Sieger kassiert 200 000 Pfund) – einem Tabakkonzern ist eine Fortsetzung des Sponsoren-Engagements wegen der EU-Gesetzgebung verboten. Trotzdem kommen sie alle wieder. Sind hier doch unzählige Snooker-Legenden geboren worden.

Zu den legendärsten Momenten zählt das „Blackpotfinal“ aus dem Jahre 1985, dem 18,5 Millionen Briten auf BBC zuschauten. Damals, in der Partie zwischen Steve Davis und Dennis Taylor, entschied nach über 1200 versenkten Bällen die letzte schwarze Kugel darüber, wer Weltmeister wurde: Das letzte Spiel dauerte 68 Minuten, am Ende gewann Taylor. Zu den Höhepunkten trug auch Ronnie O’Sullivan bei, der zurzeit die Weltrangliste anführt. „The rocket“, wie der Londoner wegen seines raketenschnellen Aufstiegs in der Weltrangliste genannt wird, spielte 2004 Snooker in einer anderen Dimension, als er Hendry in einem Halbfinale mit 17:4 zerstörte.

Der Liebling der Massen aber ist und bleibt White. Nicht nur für sein Erstrundenmatch gegen den jungen David Gray hoffen seine vielen Fans innig auf einen Sieg des alternden Stars. Einige träumen sogar von einer späten Revanche gegen Stephen Hendry, auf den er erst im Endspiel am 1. Mai treffen kann. Wie auch White sehnen sie sich danach, dass er sich endlich vom Fluch des ewigen Verlierers befreie.

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