Sport : Im Spiegel der Litfaßsäule

Oliver Bierhoff betrachtet in seinem neuen Buch den Fußball als Ebenbild der Gesellschaft.

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Keine Atempause. Oliver Bierhoff beklagt die Hektik unserer Tage. Foto: dpa
Keine Atempause. Oliver Bierhoff beklagt die Hektik unserer Tage. Foto: dpaFoto: dpa

Ankunft am Flughafen kurz vor dem Boarding, die Bordkarte im Blackberry – das spart Zeit. Ein Sitzplatz in vorderster Reihe ermöglicht einen schnellen Ausstieg. Während des Fluges noch schnell die letzten Emails checken, bevor es direkt ins Meeting geht.

Wer unter stetem Termindruck lebt und arbeitet, braucht irgendwann eine Auszeit. Eine Unterbrechung, ja, eine Spielunterbrechung, wie Oliver Bierhoff titelt.

„Spielunterbrechung“ heißt nun auch das Buch, welches der ehemalige Stürmer zur Frankfurter Buchmesse auf den Markt bringt. Der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft galt schon zu seiner aktiven Zeit als smart, weil er sich neben dem Fußball mit wirtschaftlichen Aspekten beschäftigte. Der Sohn eines RWE-Vorstandsmitglieds machte in den Neunzigerjahren nicht nur mit seinem entscheidenden Tor im Finale der Europameisterschaft 1996 von sich reden, sondern auch durch seine Selbstvermarktung. Er wurde zur menschlichen Litfaßsäule, seinen Namen gab er gern her: Geldinstitute, Brausehersteller, Kosmetikartikel – Bierhoff, der Geschäftsmann.

„Spielunterbrechung“ ist kein typisches Fußballbuch, keine Autobiografie oder Anekdotensammlung. Wer auf Enthüllungen aus der vermeintlichen Glitzerwelt des Profifußballs hofft, sucht vergeblich. Bierhoffs Werk handelt... ja, wovon handelt es eigentlich?

Der Autor will den Fußball als Mikrokosmos aufzeigen, der gleichzeitig als Spiegelbild der Gesellschaft zu begreifen wäre. Nur reizt er seinen persönlichen Background dabei zu sehr aus. Die Nähe zur Wirtschaft schimmert nicht durch, sie tritt schreiend in den Vordergrund. Sätze wie „Das Gesamtpaket muss stimmen“, das Reden von Märkten, Tantiemen und Globalisierung lassen den Diplom-Kaufmann mit ihm durchgehen. Stete Gleichsetzungen der Fußball- mit der Wirtschafts- beziehungsweise Arbeitswelt ermüden. Fakten werden oft mit Zahlen von Instituten aller Art belegt. Das ist handwerklich korrekt, fördert aber nicht unbedingt das Lesevergnügen. Der Blick auf den Fußball ist hier stark ökonomisch geprägt. Bierhoff ist kein romantischer Verklärer, nur lesen sich die Titel der einzelnen Kapitel, als wären sie dem Reader eines BWL-Seminares entnommen. „Ziele und Erfolge – eigene Wege entdecken“, „Neue Zeiten – Globalisierung und Solidarität schließen sich nicht aus“ oder „Hierarchie und Führung – mehr Mut zur Individualität“. Die Kritik am „Schneller, Weiter, Höher“ unserer Zeit ist pauschal, oft fehlt ihr die Tiefe, auch wenn Bierhoff dem Leser immer wieder Mut zu einer „Spielunterbrechung“ macht.

Fahrt nimmt das Buch auf, wenn Bierhoff Thesen oder Überlegungen mit Geschichten aus seiner aktiven Zeit garniert. Wenn er von den Eigenheiten italienischer Klubpräsidenten oder den Marotten einiger Mitspieler berichtet. Und wenn er Position bezieht. Felix Magaths Versuch, dem jungen Julian Draxler das Abitur auszureden, nennt Bierhoff „verantwortungslos“; die Nationalspieler, vor allem jene mit Migrationshintergrund, verteidigt er gegen den Vorwurf, ihnen fehle die Leidenschaft, weil sie vor den Spielen die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen. Dreizehn Jahre seiner Karriere verbrachte Oliver Bierhoff im Ausland, seine Weltoffenheit und sein Einfühlungsvermögen, etwa beim Thema Integration, stehen dem Buch gut. Nur gehen sie zwischen Märkten und Renditen oft unter. Sebastian Stier

Oliver Bierhoff: Spielunterbrechung. Man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen. Econ, 19,99 Euro.

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