Sport : Im Spiegel des Tages: Aufschwung ohne Augenzeugen

Claus Vetter

Der Verkäufer bei Wertheim in der Berliner Schloßstraße muss passen. "Einen Premiere-Decoder wollen Sie? Tut mir Leid, aber die sind ausverkauft. Seit drei, vier Tagen ist die Nachfrage sprunghaft gestiegen." Warum? "Keine Ahnung, aber komisch ist das schon." Nachgefragt ein paar Meter weiter, bei Karstadt. "Premiere? Nein, da kommen Sie zu spät." Fußball? Formel 1? "Nein, nein, Eishockey."

Nach jahrelangen Misserfolgen hat die Nationalmannschaft wieder so etwas wie Eishockey-Fieber in Deutschland geweckt, und genau damit scheint der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) ein wenig überfordert. Weil ein Pay-TV-Sender die Übertragungsrechte für die meisten Spiele erworben hat, findet die Eishockey-Weltmeisterschaft im Fernsehen hier zu Lande unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Nicht einmal alle Spiele der deutschen Mannschaft sind im Free-TV zu verfolgen. Das sensationelle 2:2 am Sonntag gegen den Weltmeister und Olympiasieger Tschechien etwa war außerhalb der ausverkauften Kölnarena nur via Decoder mitzuerleben.

Die Vergabe der Fernsehrechte ist ein Schritt, aber nicht der einzige beim bemerkenswerten Versuch, die Zahl der Augenzeugen so gering wie möglich zu halten. Nicht nur im Fernsehen, auch in der Halle. Jeweils 18 500 Zuschauer haben die ersten beiden Spiele der Deutschen in der Kölnarena verfolgt. So viel wie noch nie bei einer Weltmeisterschaft. Damit ist es jetzt erst einmal vorbei. Denn ab heute spielen die Deutschen nicht mehr in der Kölnarena, sondern in der kleineren Preussag-Arena in Hannover, die nur 11 500 Zuschauern Platz bietet. Ein Kooperationsvertrag zwischen DEB und Preussag-Arena ist verantwortlich für den planerischen Unsinn, dass Deutschland auch alle drei Partien der Zwischenrunde in Hannover absolviert.

Offensichtlich hatte der DEB mit einer Teilnahme an der Abstiegsrunde gerechnet, doch die wird jetzt in Nürnberg ohne deutsche Beteiligung gespielt. Schließlich steht schon nach drei WM-Tagen fest, dass die deutsche Mannschaft erstklassig bleibt. Der Verband aber zeigt, dass er zurzeit bestenfalls zweitklassig ist.

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