Sport : Im Spiegel des Tages: Das Ende der Ein-Mann-Show

Ernst Podeswa

Zwölf Meter und mehr weiter als der Rest des Feldes sprang Adam Malysz gestern - was könnte das für den weiteren Verlauf der Vierschanzentournee bedeuten?

Vielleicht, dass die Herren vom Big-Brother-Sender RTL sich nun die Haare raufen. Was hatten sie nicht alles angestellt, um mit einer Schmitt-Hype Rekord-Einschaltquoten zu erhalten. Ein Zuschauerwettbewerb forderte auf, Knüppelverse ("Zieh, Martin, zieh") auf den Schwarzwälder zu basteln. Vorankündigungen wurden darauf eingeengt, Martin Schmitt sehen zu können. Dazwischen Werbeeinblendungen und lilagefärbte Aufforderungen, sich etwas Süßes einzuverleiben. Schmittmania hoch drei...

Nun aber ist einer gekommen, der den deutschen Überflieger auf ein Normalmaß zurechtstutzt. Einer, der nur polnisch spricht, und schon deshalb nicht dem täglichen Interview-Schaulaufen ausgesetzt ist. Einer, dem RTL nicht mittels eines Exklusivvertrags Geld in die Taschen stopft, die ohnehin gefüllt sind. Einer, dem ein österreichischer Manager erst vor der Jahreswende einen Werbeträger auf den Helm pappen konnte. Einer, den nur Insider auf der Rechnung hatten - Adam Malysz. Doch selbst der im Metier kenntnisreiche Jens Weißflog, der bisher als einziger vier Mal bei der Tournee siegte, hatte ihn nicht unter seinen zehn Favoriten auf den Gesamtsieg.

Dabei hätte sich der Skisprung-Ruheständler nur an 1996 erinnern müssen. Da schnappte ihm der 19-jährige Pole den Sieg am Holmenkollen weg. "Floh vom Fichtelberg" nannte man den kleinen Sachsen, weil er als Aktiver mit 55 bis 56 kg einer der extrem leichtgewichtigen Athleten war. Malysz bringt bei 1,69 m Körpergröße nur etwas mehr als 50 Kilogramm auf die Waage. Ein Springer als Segelflieger. "Seine Erfolge vor vier Jahren waren die Frucht seines Talents - die heutigen sind das Ergebnis seiner harten Arbeit", so Trainer Apoloniusz Tajner über die Zeit, in der Malysz ein wenig in der Versenkung verschwunden war. Tajner hat Wissenschaftler und Psychologen aus Krakau in die Arbeit mit Malysz integriert. Die Firma Elan stellte dem Außenseiter nun auch das beste Material zur Verfügung.

Noch hat Malysz nicht gewonnen, dennoch ist sein Aufstieg ein Gewinn für die Sportart. Denn Skispringen ist nicht nur Martin Schmitt.

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