Sport : Im Spiegel des Tages: Der Kanonier, der nicht schießen will

Benedikt Voigt

Eigentlich hat Davor Suker schon 1998 einen Dienst am Vaterland geleistet. Eine halbe Million Fans feierte damals auf den Straßen Zagrebs Kroatiens dritten Platz bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Angreifer und WM-Torschützenkönig Davor Suker zeichnete mit sechs Treffern für den nationalen Taumel verantwortlich. Sukerman nannten ihn die Kroaten damals, denn er hatte gegen Deutschland den 3:0-Sieg im Viertelfinale fast im Alleingang besorgt und im Spiel um den dritten Platz das entscheidende 2:1 gegen die Niederlande geschossen. Kroatiens damaliger Staatspräsident Franjo Tudjman holte die Mannschaft, den neuen Stolz der Nation, höchstselbst vom Flughafen ab.

Es hat sich einiges geändert. Tudjman ist tot, die kroatische Nationalmannschaft müht sich in der WM-Qualifikation, und Suker steht in Zagreb vor Gericht. Er soll nach Angaben kroatischer Zeitungen mehrere Einberufungen zum Wehrdienst ignoriert haben. Der Prozess ist wohl der Schlusspunkt unter seinem Abstieg. Der Mann, der einst der Sukerman war, ist heute ein ganz normaler Wehrpflichtiger. Zurzeit spielt er für West Ham United in der Premier Division und trifft nur noch selten ins Tor. Seine Zeit als Volksheld ist vorbei.

Suker will das wahrscheinlich nicht wahrhaben. Oder warum hat er sonst die Einberufungen ignoriert? Leider sind seine Gründe nicht bekannt. Vielleicht hat er gedacht, dass mit seinen Toren für Kroatien und einer größeren Spende im Bürgerkrieg der nationalen Pflicht Genüge getan sei. Wie ein Pazifist ist er auf dem Spielfeld jedenfalls nicht aufgetreten. Im Gegenteil, er war immer ein gnadenloser Vollstrecker. Stürzte mit 42 Treffern in 60 Länderspielen so manche Sportnation ins Unglück. Spielte später in London beim FC Arsenal, einem Verein, dessen Spitzname "Gunners" lautet. Ein Kanonier, Vollstrecker und Torschützenkönig mit pazifistischen Motiven?

Vielleicht doch. Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zwischen Fußball und Militärdienst. Nur das eine ist ein Spiel.

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