Sport : Im Spiegel des Tages: Der Streber schlägt zurück

Stefan Hermanns

Ein bisschen ist es so wie früher in der Schule. Da gibt es diesen kleinen, pickligen Streber, der im Sportunterricht immer ein geblümtes Unterhemd trägt und nachher im Klassenraum ein wenig bitterstreng riecht. In der Pause, beim Fußballspielen mit dem abgewetzten Tennisball, wird er immer als letzter gewählt. Der Typ ist nicht unbedingt beliebt, und wenn es dem Rest der Klasse gerade in den Sinn kommt, wird er - für eine Nichtigkeit zumeist - einfach so vermöbelt.

Das Bequeme ist nämlich, dass sich der Streber noch nie gewehrt hat. Bis zu jenem Tag, an dem das Klassengroßmaul ihm wieder mal für nichts eine Abreibung verpassen will, sich vor ihm aufbaut, und der Streber den scheinbar übermächtigen Widersacher mit einem glücklichen Fausthieb ans Kinn auf den Linoleumboden befördert. Ausgerechnet dieser Akt des Widerstands beeindruckt den Rest der Klasse dann weit mehr, als es all die Einsen in Mathe und Latein je getan hätten.

So ähnlich verhält es sich jetzt auch im Falle Manfred Amerell gegen Pierre Littbarski. Amerell, Medienreferent des DFB-Schiedsrichterausschusses, somit Vertreter aller Prügelknaben der Nation, hat den lauten Litti ("Dat war echt krass") so richtig zusammengefaltet. "Er sollte das Hirn einschalten, bevor er losplaudert", hat der frühere Schiedsrichter Amerell über die von Littbarski vorgetragene Verschwörungstheorie nach der Niederlage Bayer Leverkusens in Rostock gesagt.

Den Schiedsrichter dafür verantwortlich zu machen, dass die eigene Mannschaft zu dumm ist, ihre vielen Torchancen zum Sieg zu nutzen, ist ungefähr so mutig, wie dem schmächtigen Streber in der Pause in einer dunklen Ecke des Schulhofs die Faust in den Bauch zu rammen. Deshalb ist es schön, dass Amerell sich jetzt im Namen seiner Kollegen zur Wehr setzt, recht wirkungsvoll zudem, weil Echt-krass-Litti der rhetorischen Kraft Amerells deutlich unterlegen ist.

Leider lassen sich die Großmäuler von klugen Sprüchen nur selten beeindrucken. Das war schon in der Schule so. Und das weiß auch Herr Amerell. Es bedarf schon wirkungsvollerer Mittel. Einer Klassenkonferenz vielleicht. Oder der Drohung mit dem Schulverweis. Amerell gedenkt nun, die Erziehungsberechtigten einzuschalten: "Wir werden Kontakt zu Vogts und Calmund aufnehmen und sie ersuchen, ihren Wachhund zurückzupfeifen." Vielleicht bekommt Litti dann von seinem Cheftrainer Stubenarrest aufgebrummt. Oder das Taschengeld gestrichen. Aber viel wahrscheinlicher ist es, dass Calli und Berti hinter Litti, ihrem lieben Kleinen, stehen. Unser Litti? Ein Rabauke? Also nein, das können wir uns nun gar nicht vorstellen.

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