Sport : Im Spiegel des Tages: Die Tragödie des deutschen Socrates

Sven Goldmann

Karsten Bäron wurde einmal, und das ist noch gar nicht so lange her, als Deutschlands Socrates gefeiert. Nein, hier ist nicht der Philosoph gemeint, sondern der Fußballspieler aus Brasilien, der mit seinen ungewöhnlich langen Beinen so erstaunliche Dinge zustande brachte, dass er es in den achtziger Jahren bis zum Kapitän seiner Nationalmannschaft gebracht hat. Bärons Beine sind ähnlich geformt wie die des großen Brasilianers. Und weil er auf ähnlich intelligente Art Tore geschossen hat, stand er vor ein paar Jahren auf der Wunschliste des FC Bayern München und des Bundestrainers.

Nur hat eines seiner langen Beine einen Makel, nämlich einen schwerwiegenden Knorpelschaden im linken Knie. Weil sich so etwas nicht mit den Belastungen eines Fußballprofis verträgt, hat Bäron gestern seine Karriere beendet. Das ist bedauerlich für einen 27-Jährigen. Dass sein Knie wohl nicht mehr mitmachen würde, ist seit sechs Jahren bekannt. Der Hamburger SV hat ihn dennoch behalten, ja sogar seinen Vertrag verlängert. Viele haben den Verein gelobt für diese Treue zu einem Dauerpatienten. Aber ist Bäron wirklich geholfen worden? Hat er sich selbst einen Gefallen getan? Mit seinen 27 Jahren hat er acht Knieoperationen hinter sich, die Zahl der vom - umstrittenen - Freiburger Mediziner Armin Klümper injizierten Aufbauspritzen ist Legion.

Es war wohl nicht allein sportlicher Ehrgeiz, der Bäron zur jahrelangen Tortur trieb. Die Berufsgenossenschaft erkennt seine Verletzung nicht als Berufsunfall an und lehnt eine Zahlung von rund 2,5 Millionen Mark ab. Also hat er es immer wieder versucht. Das Knie ist ruiniert, über Folgeschäden wagt niemand nachzudenken. Vergangenheit und Gegenwart mögen Bäron heute tragisch erscheinen. Heute, da er die Zukunft nicht kennt.

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