Sport : Im Spiegel des Tages: Ein Fall von Gigantismus

Ernst Podeswa

Die Beobachter des Geschehens sind sich nicht ganz einig. Die Schulden sollen sich auf etwa 300 Millionen Schweizer Franken beziffern, sagen die einen. Von nahezu einer Milliarde Schweizer Franken Verlust sprechen andere. Ob das eine zutrifft oder das andere oder die Wahrheit in der Mitte liegt, ist nicht von entscheidender Bedeutung. Tatsache bleibt, dass der weltgrößte Sportvermarkter ISMM/ISL aus der Schweiz mit mehr als 70 Firmen und rund 600 Angestellten vor dem Ruin steht.

Die Geschichte vom Niedergang der ISL ist die von den Gefahren des Gigantismus. Zwei Beispiele für die ungebremste Aktivität, mit der der Marktführer auf den Abgrund zuraste: 2,5 Milliarden erhielt der Fußball-Weltverband Fifa für die Vermarktungsrechte an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Dabei verzichtete ISL sogar noch auf die TV-Rechte in Europa und in den USA. 1,2 Milliarden Mark garantierte ISL für die Vermarktungsrechte bis 2009 an der ATP-Tour der Tennisprofis sowie der ATP-Weltmeisterschaft. Der Konkurrent Prisma (Kirchgruppe) mit Frontmann Boris Becker hatte bei 600 Millionen abgewinkt. Wahrscheinlich hätte das Gebot von 620 Millionen gereicht, um den Zuschlag zu erhalten. Doch in einem Anfall von Größenwahn offerierte ISL das Doppelte. Selbst Ion Tiriac, der für die ATP verhandelte und einst wegen seiner Profitsucht als Raffzahn geschmäht wurde, war der Abschluss fast unangenehm: "Was hätte ich machen sollen - etwa ablehnen?"

Nein, den rechtzeitigen Absprung haben andere versäumt, nämlich die Manager von ISMM/ISL. Statt auf Wirtschaftlichkeit und Vernunft haben sie auf Expansion gesetzt. Damit wurde ein Unternehmen, das als gewinnbringend und seriös galt, kaputt spekuliert. Ein aus dem Unternehmen ausgestiegener Manager hat den Niedergang treffend beschrieben: "Hier ist ein Rolls-Royce mit voller Wucht gegen die Wand gefahren worden."

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