Sport : Im Spiegel des Tages: Ein Podium für die Abrechnung

Sven Goldmann

Dirk Perschau ist Mannschaftsbetreuer bei den Berliner Eisbären. Er mixt die Erfrischungsgetränke für die Eishockeyprofis und öffnet ihnen das Türchen an der Bande, wenn sie aufs Eis stürmen wollen. Das macht er so gut, dass ihn die Berliner vor zwei Jahren für ihren offiziellen Profikader meldeten. Einer von fünf deutschen Quotenplätzen im Aufgebot war noch frei, und da die Eisbären keinen weiteren Profi bezahlen wollten, meldeten sie Perschau.

Ein Einzelfall, natürlich. Aber er illustriert auf hübsche Weise, wie ernst es die Deutsche Eishockey-Liga mit dem Element meint, das doch ein Drittel ihres Namens ausfüllt. Deutsche Spieler waren in der DEL nie mehr als nur ein Kostenfaktor. Früher ein recht hoher, weil sie zu Zeiten der Ausländerkontingentierung ein gefragtes Gut waren. Heute verpflichten die Klubs deutsche Spieler nur noch, um der geforderten Quote zu genügen. Es gibt eine große Auswahl an ausländischen Kräften, die die gleiche Arbeit mindestens genauso gut machen wie die Deutschen, aber viel billiger sind.

Dieses Vorgehen erscheint auf den ersten Blick sinnvoll, denn es entspricht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, das hier zu Lande noch ganz anderes am Leben hält als den Eishockey-Spielbetrieb. Es hatte aber auch zur Folge, dass die besten deutschen Klubs als Lieferanten für die Nationalmannschaft ausfielen. Die Folgen sind bekannt: Eishockey wurde in Deuschland eine Sportart von nur noch regionaler Popularität. Denn bundesweite Begeisterung weckt nur eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Das war so 1976 nach der Bronzemedaille von Innsbruck, 1992 nach dem Drama gegen Kanada in Albertville. Und das ist so bei der zurzeit laufenden Weltmeisterschaft.

Das Bemerkenswerte an den Erfolgen der Deutschen bei dieser WM ist, dass sie gegen die Strategie der DEL erkämpft wurden. Das Nationalteam besteht zur Hälfte aus Spielern, die in der DEL niemand mehr gewollt hat und die ihren Arbeitsplatz allein der deutschen Quote verdanken. Nationaltorwart Christian Künast hat das ihm bei der WM gebotene Podium zu einer Abrechnung mit den DEL-Funktionären genutzt: "Die machen nur Fehler, die haben keine Ahnung." Dafür, fordert DEL-Chef Tripcke in einem Brief an Künasts Klub München Barons, soll der Torhüter bestraft werden.

Es ist gar nicht so einfach, in der augenblicklichen Euphorie dem deutschen Eishockey ein negatives Image zu verpassen. Die DEL hat es instinktsicher geschafft. Und spätestens jetzt weiß jeder, dass Christian Künast Recht hat.

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