Sport : Im Spiegel des Tages: Ersatzlos ärgerlich

Michael Rosentritt

Ersatz ist oft ein grausames Wort. Auch als Teil von zusammengesetzten Substantiven, wie Ersatzbank etwa, wird es kaum schöner. Wer dort Platz zu nehmen hat, kann schon mal auf die merkwürdigsten Gedanken kommen. Wie zum Beispiel Günter Netzer. Zu seinem größten Ärger fand sich Netzer im DFB-Pokalendspiel 1973 zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln auf der Ersatzbank wieder. Der damalige Gladbacher Trainer Weisweiler hatte bei Netzer konditionelle Defizite ausfindig gemacht. Netzer sah das ähnlich, und doch anders, Netzer wollte trotzdem spielen. Mit Beginn der Verlängerung wechselte sich der Nationalspieler gewissermaßen selbst ein und erzielte bei seiner ersten Aktion mit einem Schuss in den Winkel den 2:1-Siegtreffer. Ein Naturereignis. Danach wechselte Netzer zu Real Madrid.

Am vergangenen Samstag hatte sich ein anderer Spieler so seine Gedanken gemacht. Auch er saß auf der Ersatzbank, und zwar in Cottbus. Sieben Minuten vor dem Ende der Partie gegen Kaiserslautern wollte Trainer Eduard Geyer den Rumänen Sabin Ilie einwechseln, doch der hatte angesichts des 0:2-Rückstandes keine Lust mehr. Das war ärgerlich für Energie, demütigend für Geyer und für alle anderen der letzte zwingende Beweis dafür, dass die Verpflichtung des rumänischen Stürmers als eines der größten Missverständnisse in die Cottbuser Vereinsgeschichte eingehen wird. Ilies Suspendierung steht bevor, und sie hat eine hübsche Vorgeschichte. Noch kurz vor dem Wechsel in der Winterpause war der Cottbuser Präsident Krein davon ausgegangen, dass eigentlich der bekanntere der Brüder Ilie, nämlich der Nationalspieler Adrian nach Cottbus kommt. Der, der kam, war aber nicht Adrian, sondern Sabin. Der brachte den prominenten Namen und Übergewicht mit in die Lausitz, weshalb er bis heute auf nur fünf Kurzeinsätze in der Bundesliga kam. Manager Stabach will dem Verwechslungsspieler nun die Auflaufprämie streichen.

Ersatzlos. Und schon wieder ist Ersatz grausam, diesmal für Sabin.

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