Sport : Im Spiegel des Tages: Fred Schaub und seine Erben

Stefan Hermanns

Kennt eigentlich noch jemand Fred Schaub? Schaub spielte einst bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga und gehört zu der Kategorie Fußballer, die sich Zeit ihres Berufslebens nur selten durch außergewöhnliche Leistungen auszeichnet. Im Grunde ist Schaub nur ein einziges Mal aus dem grauen Gleichmaß herausgetreten. Im Mai 1980, im Endspiel um den Uefa-Cup gegen Borussia Mönchengladbach, wurde Schaub in der 77. Minute eingewechselt. Vier Minuten später stocherte er den Ball zum 1:0 für die Eintracht ins Netz und sicherte ihr damit den Gewinn des Uefa-Cups. Die Fans von Borussia Mönchengladbach haben Schaub dafür ebensowenig vergessen wie die von Eintracht Frankfurt. Für die Gladbacher ist der Mann mit dem Schnauzbart nachgerade zum Menetekel geworden. Er symbolisiert die Unfähigkeit der Borussen, in entscheidenden Spielen als Sieger vom Platz zu gehen.

Wer erst Ende der 70er Jahre oder danach Anhänger von Borussia Mönchengladbach geworden ist, für den ist die Geschichte seiner Leidenschaft vor allem eine Geschichte des Leidens. Die fast logische Niederlage der Gladbacher im Pokalhalbfinale beim 1. FC Union verlängert also nur eine ohnehin unendlich erscheinende Kette trauriger Misserfolge um ein weiteres Glied. Zehn Minuten fehlten den Borussen zum Einzug ins Finale, als Unions Kapitän Steffen Menze mit seinem Kopfballtor zum 2:2-Ausgleich das unselige Erbe des Fred Schaub antrat.

Die Geschichte von Borussia Mönchengladbach ist auch eine Geschichte tragischen Scheiterns. Sieben Mal trat die Mannschaft im Elfmeterschießen an, sechs Mal unterlag sie, zuletzt gleich vier Mal gegen unterklassige Gegner. Kein Verein verliert so schön wie Borussia Mönchengladbach. Das ist bitter für ihre Fans, macht aber auch einen nicht zu unterschätzenden Teil des Mythos Borussia aus. Strahlende Sieger werden geachtet, echte Zuneigung indes erwächst nur aus großen Niederlagen. Es ist kein Zufall, dass der schönste Sieg der Borussen zugleich ihre schlimmste Niederlage war. Im Oktober 1971 deklassierten Netzer, Vogts und Co. Inter Mailand, die damals vielleicht beste Mannschaft der Welt, im Europapokal mit 7:1. Das Ergebnis taucht jedoch in keiner offiziellen Statistik auf, weil die Begegnung nach dem Wurf einer Cola-Dose auf den Platz von der Uefa annulliert wurde.

Anhänger von Borussia Mönchengladbach zu sein heißt daher vor allem leiden lernen. Das Leben ist nun mal keine dauernde Meisterfeier, wie es den Fans von Bayern München vorgegaukelt wird. Vielleicht bilden solche Negativ-Erfahrungen den Charakter. Manchmal aber kann einem Bildung ganz schön egal sein.

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