Sport : Im Spiegel des Tages: Funkloch über Mailand

Markus Hesselmann

Matthäus tut uns gut. Das sagte der damalige Sportdirektor der Eintracht, Rolf Dohmen, als der Rekordnationalspieler in Frankfurt als Trainer oder Teamchef im Gespräch war. Wir können das nachvollziehen. Schließlich hat die Stadt am Main nicht viel zu bieten außer Hochhäusern und ein, zwei guten Zeitungen. Aber wir wollen hier nicht kleine Nachbarmetropolen beleidigen, sondern uns aus aktuellem Anlass mit Lothar Matthäus - als Trainer, als Teamchef, als Funktionär - auseinandersetzen. Der Matthäus, der hat nach 449 Bundesliga- und 150 Länderspielen Ahnung vom Fußball. Sicherlich. Aber ist er deshalb gleich eine Führungskraft? Nur weil es ihn immer wieder zurück vor die Kameras und Mikrofone drängt? Er braucht das - trotz Maren und Millionen. Jetzt will Matthäus in Mailand einen Posten übernehmen, seinem alten Klub Inter helfen. Da gibt es viel zu bereden.

Die großen Macher des Fußballs aber beschränken sich in ihrer Kommunikation auf unverständliche, irgendwie gut klingende Weisheiten, um ihre geheimnisvolle Aura nicht zu gefährden. Sepp Herberger brauchen wir da gar nicht zu bemühen, da reichen Franz Beckenbauer ("Gehts raus, spuits Fußball") oder Huub Stevens ("Dös is Fussbol"). Matthäus dagegen drängt es rhetorisch ins Offene. Schon 1979, in einem frühen öffentlich-rechtlichen Interview, hat der junge Herzogenauracher alles von sich preisgegeben ("Meine Schuhe putze ich selbst"). Das ging so weiter, als Matthäus RTL exklusiv in sein Heim lud und seinen begehbaren Kleiderschrank für die Fernsehzuschauer beging. Und das endete längst nicht, als er 1997 seine Memoiren vorlegte, "Mein Tagebuch", das eigentlich "In Funkgewittern" heißen sollte. Hier bekennt sich Matthäus als heilloser Handyholic zwischen brutal offenen Aussprachen unter Fußballfreunden, Anrufen in der "Bild"-Redaktion und dem nächsten Funkloch ("Ich bin nicht erreichbar!").

Sieht denn in Mailand niemand die Gefahr, dass Matthäus vor einem wichtigen Spiel in einem Anfall verbaler Inkontinenz zum Mobiltelefon greift, um der "Gazzetta" oder "Tuttosport" Aufstellung und Taktik anzuvertrauen? Zum Glück gibt es da einen, der das Problem löst: Franz Beckenbauer. Der Mentor des Lothar Matthäus unterhält gute Beziehungen zur Handy-Industrie. Fürs erste könnte Beckenbauer ein Funkloch über Mailand schalten lassen. Das täte Matthäus und uns gut.

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