Sport : Im Spiegel des Tages: Kleine Ode an den Mittelstürmer

Rüdiger Schaper

Mittelstürmer muss man mögen. Mittelstürmer machen Tore, denn sie besitzen Torinstinkt und gehen immer dahin, wo es weh tut. Mittelstürmer sind ein Kindheitstraum: Wer wollte schon Verteidiger sein oder gar der Depp im Tor und von den gegnerischen Mittelstürmern ausgetrickst und vorgeführt werden. Eben. Also. Mittelstürmer gehören zu den raren Sachen, auf die man stolz sein kann auf dieser Welt, trotz Carsten Jancker; die Glatze bestätigt hier die Regel. Mittelstürmer waren einmal das Markenzeichen des deutschen Fußballs. Sturmtanks mit Filigrantechnik. Grasnarbenküsser. Flankenverwerter (als es noch Flanken gab). Mittelstürmer stehen und fallen für Epochen. Uwe Seeler. Gerd Müller. Und: Rudi Völler. Mittelstürmer können alles. Sogar Tore erträumen, wie Karlheinz Riedle damals vor dem Champions-League-Finale gegen Juventus Turin, das die Dortmunder mit zwei Riedle-Toren nachher 3:1 gewannen.

Nur eines werden Mittelstürmer im späteren Leben eigentlich nie - Trainer. Vielleicht, weil Mittelstürmern, vulgo Vollstreckern, Denker- und Lenkerqualitäten fehlen? Rudi Völler hat lange gezögert, wie Hamlet. Aber schließlich blieb ihm keine andere Wahl, als sich von den Wogen der Sympathie zum Job des Teamchefs tragen zu lassen. Nach dem supererfolgreichen, aber eiskalten Beckenbauer und dem drögen, rechthaberischen Vogts (den feinen Herrn von Ribbeck aus dem Schwafelland hätten wir fast vergessen) kann es jetzt nur Rudi reißen. Der Mann, der zu seiner Matte steht, und dessen Namen die Massen im Stadion langgezogen raunten, ehe es La Ola gab. Rudi Völler, dem etwas Grundehrliches, ja Treuherziges eignet, scheint im Fußball-Business der Aktiengesellschaften und des Pay-TV einen notwendigen Anachronismus zu verkörpern. Einen echten Mittelstürmer alter Schule. Rudi wirbt für Neckermann-Reisen, Bierhoff für Haarpflegeprodukte. Daraus kann ja nichts werden, dazwischen liegen Welten.

Wer läuft am Samstag als Mittelstürmer gegen Albanien auf? Rudi Völler schoss sein erstes Länderspieltor am 30. März 1983 in Tirana. Deutschland gewann 2:1. Ein gutes Omen.

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