Sport : Im Spiegel des Tages: Mehr als ein Ost-Verein

Sven Goldmann

Heiner Bertram hat als Jugendlicher die DDR verlassen, im Westen Karriere gemacht und sich vor zweieinhalb Jahren auf einen Job eingelassen, den keiner wollte, der noch alle Sinne beisammen hatte. Heiner Bertram ist Präsident des 1. FC Union Berlin. Seitdem hat er einen Spielball der Halbwelt zu einer kalkulierbaren Größe gemacht, zu einem prosperierenden Unternehmen mit dem Ziel Bundesliga.

Bertram weiß, was er erreicht hat - und was er noch erreichen will. Sein 1. FC Union soll weg vom Image des Ost-Vereins. Das ist ein anspruchsvolles Ziel, denn viele Unioner identifizieren sich mit dem Klub vor allem wegen dessen Rolle als unterdrückter Ost-Verein. Wenn Bertram laut über ein Stadion fernab von Köpenick nachdenkt, gar über einen Umzug ins Olympiastadion, trifft er damit nicht unbedingt den Geschmack seiner Klientel. Gerade deswegen war der Siegeszug im Pokal so wichtig für den Präsidenten. Da sind natürlich die Einnahmen aus dem Pokalgeschäft, mit denen der 1. FC Union einen Großteil seines Haushalts in der zurückliegenden Saison finanziert hat. Aber Liquidität war in Köpenick durch den Geschäftspartner Kinowelt ohnehin garantiert.

Wichtiger sind die immateriellen Werte: Anerkennung, Bekanntheitsgrad, das Vorspielen vor einer größeren Bühne, als sie die die Regionalliga bot und künftig die Zweite Bundesliga bieten kann. Seit dem Viertelfinalsieg über den VfL Bochum sind Unions Pokalspiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen worden, live und zur besten Sendezeit. Gestern schauten 73 011 Zuschauer im Olympiastadion zu. Noch nie seit dem Mauerfall hat eine Ost-Berliner Mannschaft vor einem so großen Publikum gespielt. Und der Gast aus dem Osten war die Hauptattraktion, der 1. FC Union ein Selbstläufer.

Hansa Rostock und Energie Cottbus sind, bei allen sportlichen Erfolgen, immer Symbole des aufmüpfigen Ostens gewesen. Aus Union könnte, gerade durch den Standortvorteil der Hauptstadt, mehr werden.

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