Sport : Im Spiegel des Tages: Verantwortlich nur für Niederlagen

Claus Vetter

Auch Eishockey-Trainer können heute - wie die Kollegen beim Fußball - kaum noch in Ruhe arbeiten, zumal in Berlin. Uli Egen, zurzeit mit dem EHC Eisbären in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) sehr erfolgreich, weiß, dass in Zeiten solcher Erfolge der Jubel im Umfeld nicht allzu ernst genommen werden sollte. Er macht sich deshalb rar. Zuletzt, nach dem Sieg des EHC gegen Düsseldorf mussten die Fans lange warten, bevor Egen aus der Kabine kam und sich feiern ließ. "Ich bin 25 Jahre im Geschäft", sagt Egen. "Natürlich freut es einen, wenn sie dich feiern. Aber wenn der Misserfolg da ist, pfeifen sie dich sofort wieder aus."

Das erfährt zurzeit Egens Kollege bei den Capitals, einem Verein der erfolgreich in die Saison gestartet und dann abgestürzt ist. Chris Valentine hat in der Branche schon viel erlebt - ob als Spieler in der nordamerikanischen Profiliga NHL und bei der Düsseldorfer EG oder als DEL-Trainer. Trotzdem schützt den Kanadier alle Erfahrung nicht vor Überraschungen. Zuletzt kam Valentine aus dem Staunen kaum heraus. Was war passiert? Zunächst betreute der Nachfolger von Michael Komma die Berliner mit herausragender Bilanz, dann gab es fünf Niederlagen und erstmals Kritik an Valentine.

"Als ich die Mannschaft vom sechsten auf den ersten Platz geführt habe, habe ich nirgendwo gelesen, dass ich schuld daran war. Aber natürlich war es meine Schuld, dass wir wieder Sechster geworden sind." In Nürnberg oder in Krefeld habe man in dieser Saison auch Negativserien erlebt, doch niemand habe da den Rauswurf des Trainers gefordert. Geht es in Berlin härter zu als andernorts? Man müsse sich in Berlin davon verabschieden, nur Momentaufnahmen als Maßstab für gute oder schlechte Arbeit des Trainers zu nehmen, meint Valentine. Und hat damit Recht. "Meinen Job muss man über die gesamte Saison bewerten." Deshalb lässt er sich gerade vor der schweren Aufgabe heute beim Tabellenführer München Barons auch nicht vom letzten Sieg der Capitals bei den Kölner Haien blenden. Valentine liegt also mit seiner Auffassung nicht weit entfernt von Egen. Doch eines unterscheidet die beiden: Egen hat offenbar das dickere Fell.

Es spricht für die Führung der Capitals, dass man sich auch in Zeiten des Misserfolgs nicht verrückt machen lässt. "Wir werden den Trainer nicht zum Fraß vorwerfen", hieß es immer bei dem Charlottenburger Club. Trotzdem: Die Capitals sind als Halbfinalist der Vorsaison nicht nur eine Mannschaft von vielen in der DEL, sondern ein Spitzenteam. Dass da die Ansprüche hoch sind, sollte jeder Trainer wissen, der in Berlin ein Amt übernimmt.

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