Sport : Im Staub der Geschichte

Krasniqi wollte Schmelings Nachfolger werden – dann ging er auf die Bretter

Michael Rosentritt[Hamburg]

Als Don King weit nach Mitternacht das Sky-Cafe erreichte, konnte man meinen, er und nicht Luan Krasniqi habe die krachende Rechte, die zuvor den Schwergewichtskampf beendet hatte, ungeschützt gegen die Schläfe bekommen. King wedelte wie wild mit zwei deutschen und zwei amerikanischen Fähnchen und trällerte mit seiner metallischen Stimme vom Geist Max Schmelings, den er über den Ring der Hamburger Color Line Arena gespürt haben will. Der Geist des bisher einzigen deutschen Schwergewichtsweltmeisters sei dann irgendwann Luan Krasniqi in die Glieder gefahren. „Luan hat in den Himmel geschaut und hat den Geist von Max Schmeling empfangen. Krasniqi hat gekämpft wie ein Krieger, er war großartig. Ihr alle seid großartig. In euch allen steckt etwas von Max“, trompetete King. Neben ihm saß sein gezeichneter Schützling Lamon Brewster, der Weltmeister. Nach jeder Silbe Kings nickte er zustimmend. Und je mehr er nickte, desto mehr Blut lief unter seiner verspiegelten Brille hervor. „Ich danke Gott, dass er mich heil aus diesem Kampf hat herauskommen lassen“, sagte Brewster: „Jetzt weiß ich, dass Gott auch in Deutschland ist.“

Das skurrile Gehabe der beiden Amerikaner hatte einen Grund. „Wir sind froh, dass Lamon den Kampf noch gedreht hat“, sagte King. Rund 3,5 Millionen Euro bekommt der 32-jährige Brewster für seine erfolgreiche Titelverteidigung. Davon wird eine hübsche Portion für King abfallen, der nun einen Rückkampf gegen Wladimir Klitschko plant. Klitschko darf jetzt den WBO-Champion herausfordern. „Es wird uns ein Vergnügen sein, Wladimir erneut zu zerstören“, sagte King. Vor eineinhalb Jahren hatte Brewster Klitschko geschlagen und dem Ukrainer den Titel abgeknöpft.

In diesen Plänen spielt Luan Krasniqi keine Rolle mehr. Der 34-jährige Herausforderer aus Rottweil war am Tag, an dem Schmeling 100 Jahre alt geworden wäre, nah dran, den Schwergewichtstitel nach Deutschland zu holen. Mit verschränkten Armen lauschte er dem Geplauder der Sieger. In einem intensiven Kampf hatte er tapfer geboxt, doch die Lobpreisungen verklärten den Blick auf das wenig weltmeisterliche Ende. Nicht Ringrichter Rivera aus Puerto Rico hatte den Kampf in der neunten Runde abgebrochen, sondern eigentlich Krasniqi. Der Ringrichter signalisierte das Kampfende erst als sich Krasniqi nach dem zweiten Niederschlag aufgerappelt, dann aber zu seiner Ecke hin abgedreht hatte. „Ich hätte den Kampf wieder freigegeben“, sagte der Ringrichter. Es wäre nach 2002 das zweite Mal, dass Krasniqi einen Kampf aufgibt. „Ich habe keine Ahnung, wie das Ende zu Stande kam. Ich war neben mir, benebelt“, sagte er. „Ich muss mir das noch mal auf Video anschauen.“

Nach sieben Runden lag der Deutsche bei allen drei Punktrichtern vorn, doch dann war er aufreizend deckungslos in die achte Runde gegangen. Da holte ihn ein linker Haken Brewsters ans ungedeckte Kinn von den Beinen. Der Ringrichter („Ich wollte ihm die Chance lassen“) zählte bewusst langsam. Der Gong rettete Krasniqi. „Die neunte Runde habe ich nur noch im Unterbewusstsein gekämpft“, sagte Krasniqi, der in dieser Runde auch Brewster noch einmal an den Rand eines Knockouts bringen konnte. Brewster taumelte, fiel aber nicht. „In den späten Runden kommt es nicht mehr auf das Können an, sondern auf das Herz, auf die wilde Entschlossenheit. Ich schlage bis zum letzten Atemzug. Das ist mein Erfolg“, sagte der Amerikaner. Auch er war in der neunten Runde am Ende seiner Kräfte. Während Krasniqi im Ring die ersten Interviews gab, eierte der stämmige Brewster wie ein betäubtes Tier durch den Ring. Seine Betreuer mussten ihn stützen und seinen rechten Arm zum Zeichen des Sieges nach oben heben.

„Ich habe das Ding doch gehabt“, sagte Krasniqi tief in der Nacht, „ich war mir schon zu sicher, dann habe ich eine Sekunde nicht aufgepasst und wurde dafür bestraft.“ Don King hörte zu, grinste und wedelte mit den Fähnchen.

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