Im Strafraum : Als Torwart bist du die ärmste Sau!

Der ehemalige Torhüter Lars Leese schaffte den Sprung aus dem deutschen Amateurfußball in die Premier League zum FC Barnsley, darüber hat er das erfolgreiche Buch „Der Traumhüter“ verfasst. Hier erklärt Leese, wieso die EM noch kein Turnier der letzten Männer ist – und wieso Ricardo Portugal den EM-Titel kosten könnte.

Lars Leese
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Bücher und Bälle. Der 38 Jahre alte Lars Leese, hier im Trikot der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln, hat einen Bestseller...Foto: imago

Bis jetzt ist die EM definitiv kein Turnier der Torhüter. Kein Torwart hat bislang ein Spiel wirklich dominiert. Es gibt keine Spiele, in denen eine Mannschaft drückend überlegen ist und sich Chance auf Chance herausspielt, da kann man sich kaum auszeichnen. Das hängt aber auch mit der Spielweise bei der EM zusammen: Viele Teams spielen mit zwei Sechsern im defensiven Mittelfeld und nur einer Spitze, es gibt wenige Chancen und kaum Schüsse aus der zweiten Reihe. Und wenn es dann doch mal eine Chance gibt, ist die Qualität der Abschlüsse sehr hoch. Man muss sich nur einmal das 2:1 der Portugiesen gegen Tschechien ansehen. Deco passt in die Mitte zu Cristiano Ronaldo, der schießt direkt aufs Tor: flach, scharf, platziert. Das ist ein qualitativ hochwertiger Schuss. Da kommt auch Petr Cech nicht mehr ran, da kommt niemand ran.

Insgesamt sind die Torhüter aber auf einem Topniveau. Viele Länder haben gegenüber der Torwartnation Deutschland aufgeholt. Das Torwartspiel hat heute einen ganz anderen Stellenwert als noch vor ein paar Jahren. Torhüter wechseln international zu Spitzenmannschaften, selbst in der Bundesliga spielen Ausländer wie der Schweizer Benaglio. Alle Länder und Klubs haben erkannt, dass auf der Position Spiele entschieden werden, deswegen wird hier investiert; sowohl finanziell als auch in die Spielerausbildung.
Für manche Länder ist diese Entwicklung auch kontraproduktiv. England ist bei der EM nicht dabei – auch, weil sie während der Qualifikation Probleme mit ihren Torhütern hatten. Bei ihren großen Klubs spielen ausschließlich ausländische Torhüter: van der Sar bei ManU, Reina in Liverpool, Cech in Chelsea, Almunia bei Arsenal. Der englische Nationaltrainer hat einige Leute ausprobiert, aber keiner hat überzeugt. Das hängt auch damit zusammen, dass die englische Presse schon nach kleinen Fehlern eine Kopf-ab-Mentalität zeigt. Wie sehr so eine Debatte selbst hervorragende Torhüter beeinflusst, kann man an einer Szene aus dem ersten Spiel der Deutschen erkennen. Kurz nach dem Anpfiff will Jens Lehmann eine Flanke wegfausten, klatscht den Ball aber einem Polen vor die Füße. Dabei war es in der Situation eigentlich unnötig, dass er überhaupt eingreift. Aber als Torwart, der in der Kritik steht, will man immer zeigen: „Hier bin ich! Ich bin präsent! Ich kann dem Team helfen!“ Dabei ist das oft gar nicht angebracht.

 Auch beim zweiten Tor der Kroaten sieht Lehmann natürlich schlecht aus – dabei trifft ihn keine Schuld. Als Torwart bist du manchmal einfach die ärmste Sau. Lehmann macht einen Schritt nach vorne, dann wird der Ball abgefälscht. Weil sein Körperschwerpunkt noch in der Vorwärtsbewegung ist, wird der Weg zurück sehr lang. Mit einer festen Hand bekommt er den Ball vielleicht noch zur Ecke. Aber da muss man auch mal Glück haben.

Einen modernen Torwart wie Lehmann, aber auch Manuel Neuer und René Adler, zeichnen vier Dinge aus: Strafraumbeherrschung, gute Reaktionen auf der Linie, hohe fußballerische Fähigkeiten und Druckresistenz. Wenn ich mir den perfekten Torwart zusammenbauen könnte, würde ich das Fußballerische von Edwin van der Sar nehmen, die Athletik auf der Linie von Diego Benaglio oder Robert Enke und die Strafraumbeherrschung und Gelassenheit von Petr Cech. Ein Torwart muss Ruhe ausstrahlen. Als Feldspieler kann man sich abreagieren, in Zweikämpfe gehen, Dampf ablassen. Dem Torwart fehlen diese Katalysatoren. Zwischen drei, vier ganz wichtigen Aktionen in einem Spiel können 25 Minuten Leerlauf liegen, da hat man viel Zeit nachzudenken.

Ich bin gespannt, ob doch noch ein Torwart der EM seinen Stempel aufdrücken kann wie Oliver Kahn bei der WM 2002. Wie wichtig ein Weltklassetorhüter für sein Team sein kann, haben Gigi Buffon und Edwin van der Sar gezeigt. Van der Sar hat Holland in beiden Spielen vor dem Ausgleich oder dem Anschlusstreffer bewahrt, auf seine Art: ruhig und wenig spektakulär, aber höchst effektiv. Buffon hält in der 82. Minute gegen Rumänien einen Elfmeter und damit die Italiener im Turnier. Und umgekehrt hat der Grieche Nikopolidis gezeigt, dass ein entscheidender Fehler zum EM-Aus führen kann.

Auch der Portugiese Ricardo hat mich noch nicht überzeugt. Ich bin gespannt, wie er sich unter Druck schlägt, wenn einmal ein bisschen mehr Action in seinem Strafraum ist. Gegen Tschechien ist er unter einigen Flanken durchgeknallt. Es könnte das Zünglein an der Waage beim Kampf um den EM-Titel sein, dass Portugal keinen Toptorhüter hat.

Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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