Sport : Im Streichelzoo

Hertha BSC hat nach missratener Saison Krawall erwartet – aber die Mitglieder wählten Kontinuität

Armin Lehmann

Berlin - Um zwei Uhr nachts tritt Rupert Scholz aus den Rauchwolken zahlreicher Zigarillos. Sein Anzug ist leicht zerknittert, das Hemd durchgeschwitzt. Der kleine Mann steht in einer Ecke des Großen Saals Nummer 1 im ICC und verkündet munter, dass er auch weiterhin Vorsitzender des Aufsichtsrats von Hertha BSC sein werde. Das habe man eben noch schnell entschieden. Dann zuckt ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht des einstigen Verteidigungsministers, dem prophezeit worden war, dass die Mitglieder mindestens einen Verantwortlichen abstrafen werden auf der Mitgliederversammlung vom Montag und dass er derjenige sein werde, schließlich könne der Manager Dieter Hoeneß selbst gar nicht abgewählt werden.

Als Scholz wieder im Dunst verschwindet, um mit Hoeneß und dem Rest des wiedergewählten Aufsichtsrats weitere Mengen an Kaffee in sich hineinzuspülen, ist eines längst entschieden: Diese Versammlung war eine seltsame Demonstration von Geschlossenheit, und niemand weiß nun so recht, warum der angekündigte Krawall ausblieb.

Sieben Stunden lang hatten die 1132 stimmberechtigten Mitglieder, die anwesend waren, Kartoffelsalat in sich hineingestopft, Würstchen verspeist und eine Menge Bier getrunken. Sie hatten ausgeharrt auf den engen Sesseln in dem kargen, fensterlosen Saal, der weder durch riesige Hertha-Embleme an den Seiten noch durch ein einsames Blumenbukett am Rednerpult romantischer wurde. Vielleicht war die Sehnsucht deshalb groß nach Zusammenhalt, nach der missratenen Saison des Fußball-Bundesligisten, der erst am 33. Spieltag mit einem glücklichen 1:1 bei 1860 München den Klassenerhalt sichern konnte.

Um 20.25 Uhr springen die Menschen auf, Dieter Hoeneß hat kurz zuvor Fehler aus der Saison eingestanden, hat vom „schlechtesten Fußball“ gesprochen, „den ich je erlebt habe“ und versucht, um Verständnis für Fehleinschätzungen zu werben. Die ganz große Wut bekommt er damit schon aus dem Saal. Dann ruft er Hans Meyer, den Helden, der auch ihn, Hoeneß, mit dem Klassenerhalt gesichert hat. Meyer klettert im Jubelgeschrei zu Hoeneß und ist sich sehr bewusst, dass es jetzt noch einmal auch auf ihn ankommt. Er sagt: „Ich komme nicht aus Holland, und ich hatte den Riesenvorteil, dass ich nicht in Schalke war.“ Da grölen die Mitglieder, die harten Fans, die Huub Stevens wegen seiner Schalker Vergangenheit nie eine Chance gaben. Die zarte Anspielung, die feine Verteidigung des früheren Trainers und damit auch der Entscheidung des Vereins, Stevens verpflichtet zu haben, hören nur die, die es wollen.

Meyer spielt sich selbst, übt sich im Understatement („Hier konnte man nur gewinnen, das Risiko war überschaubar“), macht Witze und wünscht „dir, Falko, dass du acht Jahre hier Trainer bleibst, denn dann warst du erfolgreich“.

Nun kommt Falko Götz auf das Podium, winkt, wieder stehen die Leute auf, applaudieren, kreischen. Hans Meyer will weg, aber Dieter Hoeneß raunt Meyer etwas ins Ohr, zupft ihn am Sakko („Meinen Nadelstreifenanzug musste ich schon abgeben“/Meyer), damit er auf der Bühne bleibt. Götz sagt: „Ich verspreche, dass wir keine Saison wie die letzte erleben werden.“ An diesem Satz wird man ihn noch messen können, aber jetzt, hier und heute, wollen alle nur klatschen, wollen Harmonie beschwören, sich an ihr festkrallen. Hoeneß nickt zufrieden, die Versammlung ist entschieden.

Dabei soll die Härteprüfung erst noch kommen. 22 Kandidaten wollen in den Aufsichtsrat. Er ist neben dem Beteiligungsausschuss, der ebenfalls gewählt wird, das wichtigste, ehrenamtliche Gremium des Vereins. Seine Mitglieder kontrollieren die Entscheidungen des Vorsitzenden der Kommanditgesellschaft Hertha BSC, Dieter Hoeneß, und des Geschäftsführers, Ingo Schiller. Aber sie stützen vor allem die Arbeit von Dieter Hoeneß. Im Vorfeld wurde der Aufsichtsrat als „Abnick-Gremium“ kritisiert, mehr Transparenz gefordert. Rupert Scholz wehrte sich stellvertretend für alle gegen diese „Unterstellungen“ und sagte: „Wir diskutieren kontrovers, aber wir erzählen es nicht nach draußen.“

Von den 22 Kandidaten, die sich jeweils in drei Minuten vorstellen sollen, fürchten die Vereinsbosse maximal drei, doch die kommen beim Publikum nicht an. Der Bekannteste heißt Manfred Zemaitat, war selbst mal Präsident, reklamiert für sich, den Verein gerettet zu haben, als er „klinisch tot“ war und empfiehlt sich mit dem Satz, Hertha müsse wieder in die Champions League, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Seinen Vortrag haspelt er ein wenig lieblos herunter, und im Foyer erzählen sich derweil Alt-Herthaner die Geschichte, dass Zemaitat bei internen Sitzungen in seiner Amtszeit vor allem die Boulevardzeitungen gerne „live während zahlreicher Gänge zur Toilette informiert habe“. Auch Zemaitat fällt durch. Es ist merkwürdig, wenn auch nur ein Kandidat Kritisches anmerkt, hat er schon verloren, erntet er Gelächter oder wird ignoriert. Vielleicht sind viele zu müde für Revolution, vielleicht aber genießt das alte Team um Rupert Scholz, Günter Troppmann, Heinz Warneke und Werner Gegenbauer mehr Vertrauen als gedacht. Sie brauchen durchweg weniger als die drei Minuten, um sich zu präsentierem: bescheiden, solide und mit Charme. Vorbehalte, im Saal durch Murren geäußert, werden mit Witz ausgeräumt

Alle werden wieder gewählt, mit Herthas früherem Profi Dirk Greiser kommt sogar die von vielen Fans vermisste sportliche Kompetenz ins Gremium. Dieter Hoeneß steht entspannt im Saal und flüstert: „Das war nach der Saison das wichtigste Spiel, das wir gewonnen haben.“

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