Sport : Im Tunnel zu Silber

Hürdensprinter Thomas Blaschek überzeugt

Friedhard Teuffel

Göteborg - Nicht nach links schauen, nicht nach rechts schauen, das hatte sich Thomas Blaschek vorgenommen für diese Europameisterschaften. Denn was passieren kann, wenn man seinen Blick vom Weg abschweifen lässt, hatte er bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Helsinki erfahren. „Damit habe ich mir die Finalteilnahme versaut.“ In Göteborg konnte sich der Hürdensprinter vom LAZ Leipzig besser beherrschen, und als aus seinem Tunnelblick wieder normales Breitbildformat wurde, sah er nur den Letten Stanislav Olijar vor sich ins Ziel rennen.

Die erste bedeutende internationale Medaille rührte den 25-Jährigen sogar zu Tränen. „Als ich mit meinem Trainer gesprochen habe, musste ich erst einmal weinen“, erzählte Blaschek, „ich bin einfach überwältigt.“ Das hervorragende deutsche Ergebnis machte Jens Werrmnann vom LAZ Zweibrücken komplett, der auf Platz sechs lief. Der 21 Jahre alte Werrmann brauchte 13,73 Sekunden. Immerhin konnte der Zweibrückener seine persönliche Bestzeit im Vorlauf um zwei Hundertstelsekunden auf 13,60 verbessern. Im Finale brauchte Blaschek 13,46 und der Sieger aus Lettland 13,24 Sekunden. „Wir wussten, dass wir ihn nicht schlagen können“, sagte Blaschek, dessen Bestleistung bei 13,31 Sekunden liegt. „Mit meiner eigenen Zeit hier bin ich zwar nicht zufrieden, aber so ein Finale hat eben eigene Gesetze.“

Als Blaschek das erzählte, lief gerade der Diskuswerfer Lars Riedel nach seinem Finale an ihm vorbei und gratulierte ihm. „Und wie ist es bei dir gelaufen?“, fragte Blaschek zurück. „Nich so. Deine Beene hätte ich heute gebraucht“, antwortete der Chemnitzer, der auf Platz acht landete. Mit seinen kräftigen und schnellen Beinen eroberte sich Blaschek auf den letzten Metern noch die Silbermedaille. „Ich weiß, dass ich nach der letzten Hürde noch Potenzial habe“, sagte Blaschek. Doch es waren nicht nur die verbleibenden sechs Schritte bis ins Ziel, sondern auch die Haltung, mit der Thomas Blaschek erfolgreich ankam. „Es kommt darauf an, den Oberkörper so weit wie möglich nach vorne zu wuchten.“ Das hätte er bei seinen letzten Rennen schon verstärkt geübt. „Wenn Kirsten Bolm das auch so gemacht hätte, dann hätte sie gleich die Silbermedaille gehabt“, sagte Blaschek.

Auch Kirsten Bolm aus Mannheim war Zweite geworden, doch bis sie das wusste, verging im Ullevi-Stadion am Freitagabend nicht bloß ein 100-Meter-Hürden-Lauf, sondern eine lange Wartezeit auf der Laufbahn, ein Protest der deutschen Mannschaftsleitung und eine Sitzung des Kampfgerichts. Die Irin Derval O’Rourke war nach 12,72 Sekunden zeitgleich mit ihr ins Ziel gekommen. Auf einem Zielfoto war die Irin zwar etwas vorne. „Aber die linke Schulter von Kirsten war darauf nicht zu sehen“, sagte Frank Hensel, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Der Brust-Schulter-Bereich ist entscheidend. Auf dem zweiten Bild, von der anderen Seite der Laufbahn aufgenommen, schien Bolm einen winzigen Vorsprung zu haben. Das Kampfgericht versuchte erst, einen Unterschied nach Tausendstelsekunden festzustellen, schloss sich letztlich dem Vorschlag der Deutschen und Iren an, zwei Silbermedaillen zu verteilen. Wenn sich Kirsten Bolm noch eine besondere Erinnerung aus Göteborg mitnehmen möchte, wäre das zweite Zielfoto vielleicht das beste Souvenir.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben