Sport : Im wichtigsten Kampf das Leben gewonnen

ERNST PODESWA

Eisschnelläufer Michael Spielmann sieht sich heute nicht als erster Titel-Favorit VON ERNST PODESWA

Berlin.Ein lebensbedrohender Unfall im März hätte um ein Haar mehr als nur die Karriere eines hoffnungsvollen Eisschnelläufers beendet.Die Folgen davon hängen Michael Spielmann vom Berliner TSC noch immer ein wenig in den Schuhen.Deswegen sieht sich der 26jährige heute beim Auftakt zu den deutschen Einzelstrecken-Titelkämpfen (Beginn 17 Uhr) in der Halle des Sportforums Hohenschönhausen nicht unbedingt als Favorit über 1500 m.Das seien eher Peter Adeberg, Uwe Tonat und Christian Breuer.Obwohl Spielmann auf dieser Distanz schon 1994 und 1995 (da auch über 1000 m) der Beste bei den Landesmeisterschaften war. "Ich habe ein paar Wochen nach dem Unglücksfall gebraucht, um wieder das normale Training absolvieren zu können.Zudem hatte ich mich im April/Mai auf meine Abschlußprüfungen als Bankkaufmann zu konzentrieren", berichtete der gebürtige Berliner, der einmal Junioren-Weltmeister (1988) war, bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Winterspielen (1994/20.über 1500 m) startete."Es ist mir jedoch mehrfach passiert, daß ich zu Saisonbeginn bei Meisterschaften und Weltcuprennen hervorragend abschnitt, aber diese Form nicht bis zu den internationalen Ereignissen am Schluß des Wettkampfjahres konservieren konnte.Diesmal möchte ich es andersrum haben - am Anfang gut genug für den Weltcup sein und dann meine Leistungen bis hin zu den Weltmeisterschaften steigern." Jene im Mehrkampf werden im Februar in Nagano ausgetragen - dem Austragungsort der Winterspiele 1998, die der 1,83 m große Athlet nun mit großer Zielstrebigkeit und dank des Entgegenkommens (in zeitlichen Belangen) seines Arbeitgebers (Berliner Volksbank) mit den besten Möglichkeiten seit der Wende angeht.Um Titel und Medaillen auf den Einzelstrecken laufen die besten Eisflitzer der Welt dann vom 7.bis 9.März in Warschau. Da sind fast auf den Tag zwölf Monate seit jenem dramatischen Geschehen vergangen, bei dem das Leben des jungen Sportlers für Sekunden in höchster Gefahr schwebte.Michael Spielmann hatte sich für einen Auftritt der 20 besten 1500-m-Eisschnelläufer bei der Premiere des Einzelstrecken-Weltchampionats im "Vikingerschiff" von Hamar qualifiziert.Unmittelbar vor seinem Rennen tat er das, was alle Eisflitzer zu tun pflegen - er polierte mit einem Schleifstein die messerscharfen Kanten der Stahlschienen seiner Schlittschuhe.Da rutschte er ab - tief in einen Finger, wo auch eine Sehne durchtrennt wurde.Die Wunde blutete so heftig, daß der Mannschaftsarzt beim Nähen nach einer Hilfe fragte.Spielmann: "Ich weiß noch, daß ich sagte, holt doch Peter.Der weiß, was zu tun ist.Und dann kippte ich weg." Was dann passierte, erfuhr er später von den Helfern: Beim Ohnmächtigwerden verschluckte er die Zunge, die Atmung stockte, und der Pulsschlag war nicht mehr zu fühlen.Dank der Bemühungen von Dr.Smasal und seines Vereins- und Teamkollegen Peter Adeberg, der Medizinstudent ist zugleich der Bruder von Spielmanns Lebensgefährtin und Eislaufkollegin Ulrike Adeberg, aber erlangte er wieder das Bewußtsein."Ich kann mich gut an den ersten Satz erinnern, den mir danach der Arzt sagte: Junge, soeben hast du den wichtigsten Wettkampf deines Lebens gewonnen - auch wenn die Weltmeisterschaften für dich vorbei sind." Michael Spielmann kann heute so frei über diese Augenblicke reden, wie es wohl nur jungen Menschen und Sportlern eigen ist.Nach der Wende hatte er nicht resigniert, sondern neben seinem sportlichen Hobby Ausbildungen als Hotelkaufmann und nun als "Banker" absolviert: "Jetzt habe ich den Rücken wieder frei und will alles für die Vorbereitung auf die Spiele in Nagano tun."

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