Sport : Im Zeichen der Harmonie

Die Zeiten, da sich junge und alte Spieler bei Hertha BSC feindlich gegenüberstanden, sind vorbei

Ingo-Schmidt-Tychsen[Marbella]

Das Trainingsspiel ist schnell und laut. „Hier!“, ruft Sofian Chahed und wird angespielt. Von hinten rauscht Solomon Okoronkwo mit den Füßen heran, er trifft sowohl den Ball als auch die Schienbeine seines Kollegen von Hertha BSC. Die beiden Fußballer streiten sich laut. Bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt, werden die beiden Jungprofis von mehreren Kollegen umarmt und besänftigt. Der jähzornige Okoronkwo will sich kaum beruhigen, aber weil seine Mitspieler Gilberto, Ellery Cairo und Kotrainer Andreas Thom ohne Unterlass auf ihn einreden, gibt er irgendwann auf und spielt wieder mit den anderen Fußball.

Eine ähnliche Szene wie diese aus dem Trainingslager in Marbella hat sich schon vor einem Jahr ereignet. Nach einem harten Zweikampf zwischen Okoronkwo und Josip Simunic hatte Okoronkwo mit der Faust gegen eine Werbebande geschlagen und anschließend eine halbe Stunde lang am Spielfeldrand geschmollt. Damals aber kümmerte sich niemand um Okoronkwo. „Die Stimmung in der Mannschaft ist jetzt eine komplett andere“, sagt Verteidiger Malik Fathi. Die jüngeren Spieler hätten inzwischen ein anderes Gewicht in der Mannschaft, nicht nur, weil sie so viele sind, sondern weil die Mannschaft sie seit dieser Hinserie auch wirklich braucht. Die älteren Profis müssen sich seitdem ernsthaft mit den jüngeren auseinandersetzen. „Die Führungsspieler verstehen es jetzt besser, die Bedeutung der Jungen einzuschätzen“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Hertha hat in der Hinserie einen Punkt mehr geholt als vor einem Jahr und ist noch im Wettbewerb um den DFB-Pokal. „Das hatte uns mit dieser Mannschaft niemand zugetraut – wir hatten ja nicht einmal ein Saisonziel ausgegeben. Was sich wirklich verbessert hat, ist der Teamgeist“, sagt Mittelfeldspieler Pal Dardai. Der Klub hatte im Sommer Marcelinho, Niko Kovac und Alexander Madlung abgegeben, aber nur Stürmer Christian Gimenez verpflichtet. Die Lücken im Mittelfeld mussten von Spielern aus der eigenen Jugend gefüllt werden. „Wir haben sie ins kalte Wasser geworfen, dann sind sie aber auch geschwommen“, sagt Hoeneß. Zum Stammspieler entwickelte sich allerdings außer Kevin-Prince Boateng und am Ende Ashkan Dejagah keiner der jungen Profis. Leistungsschwankungen sind bei jüngeren Spielern normal, aber diese Schwankungen gab es auch bei einigen Routiniers, besonders in der Defensive. Torwart Christian Fiedler, Josip Simunic und Malik Fathi machten Fehler. Dieter Hoeneß wandelt diesen Umstand ins Positive: „Weil ein paar von den gestandenen Spielern nicht am oberen Limit waren, haben wir noch Luft nach oben.“

Hoeneß sieht die verbesserte Stimmung in der Mannschaft als einen Prozess, der im März des vergangenen Jahres begonnen hat. Hertha hatte 13 Spiele hintereinander verloren – und trotzdem überraschend an Trainer Falko Götz festgehalten. „Damit haben wir klar gemacht, dass wir unser Konzept weiter verfolgen wollen“, sagt Hoeneß. Die personellen Veränderungen im Sommer seien der nächste Schritt gewesen. Hoeneß will es nicht direkt sagen, aber nach dem Verkauf der beiden etwas eigenen Profis Alexander Madlung und Marcelinho ist ein Gerechtigkeitsgefühl in die Mannschaft zurückgekehrt. Gerade Marcelinho durfte Dinge, die bei anderen Spielern den Ausschluss aus dem Kader bedeutet hätten.

Während ihres neuntägigen Trainingslagers haben die Berliner einen Teil ihrer saisonanfänglichen Zurückhaltung abgelegt. Trainer Falko Götz sagt inzwischen, „dass wir den fünften Platz verteidigen wollen. Mindestens.“ Zur Vorbereitung auf die Rückrunde hat seine Mannschaft noch zwei Testspiele: Heute früh fliegt sein Team von Malaga aus in die Türkei, um in Izmir ein Spiel gegen Galatasaray Istanbul zu bestreiten, in der Nacht danach geht es zurück nach Berlin. Den letzten Test bestreitet Hertha am 21. Januar in Prag gegen Sparta, bevor die Bundesliga am 27. mit dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg wieder losgeht.

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