Sport : Im Zweifel für die Schönheit

Johan Cruyff hat sich als Spieler und Trainer dem attraktiven Fußball verschrieben – heute wird er 60

Stefan Hermanns

An der Kompetenz von Johan Cruyff in Sachen Fußball hätte es eigentlich schon früh berechtigte Zweifel geben müssen, spätestens seit dem 8. Juli 1974. An diesem Tag wurde der Kapitän der holländischen Nationalmannschaft im „Spiegel“ mit seinem Urteil über den deutschen Mittelstürmer Gerd Müller zitiert: „Der muss noch lernen, im Mittelfeld unterzutauchen und an die Flügel auszuweichen.“ Dummerweise hatten die Holländer tags zuvor das WM-Finale gegen Deutschland verloren, 1:2 – durch ein Tor von Gerd Müller, der da stand, wo ein Mittelstürmer zu stehen hat: mitten im Strafraum.

Man tritt Hendrikus Johannes Cruyff, der heute 60 Jahre alt wird, vermutlich nicht zu nahe, wenn man ihm ein gespaltenes Verhältnis zum deutschen Fußball nachsagt. Nicht nur weil die deutsche Nationalmannschaft ihm, König Johan, 1974 im WM-Finale die Krönung vermasselte. Cruyff galt als bester Spieler des Turniers, die Holländer spielten den schönsten Fußball – und scheiterten am Ende an Gerd Müller, der in seiner Karriere weder im Mittelfeld untertauchte noch auf die Flügel auswich, sondern sich auf das Wesentliche beschränkte: aufs Toreschießen.

Cruyff ist diese deutsche Form des Realismus immer zu wenig gewesen. Als Fußballer und später als Trainer hat er für das Schöne und Gute gestritten, und wenn es das WM-Finale 1974 nicht gegeben hätte, könnte man sagen: Cruyff hat bewiesen, dass Erfolg und Schönheit im Fußball keine Gegensätze sein müssen. In der ersten Minute des Endspiels kam die legendäre Nummer 14 der Holländer im Mittelfeld an den Ball, er sprintete leichtfüßig an Berti Vogts vorbei und wurde an der Strafraumgrenze von Uli Hoeneß zu Fall gebracht. Der Schiedsrichter entschied auf Elfmeter, Johan Neeskens verwandelte zum 1:0. Bis dahin hatte kein deutscher Spieler überhaupt den Ball berührt. Weltmeister wurden sie trotzdem.

Cruyff, ein Grenzgänger zwischen Mittelfeld und Sturm, hat als Spieler fast alles gewonnen: Er war dreimal Europas Fußballer des Jahres, Spanischer Meister mit dem FC Barcelona, neunmal Meister in Holland, dreimal hintereinander holte er mit Ajax Amsterdam den Europapokal der Landesmeister. Nur ein Titel mit der Nationalmannschaft blieb Cruyff versagt. Nach 48 Länderspielen endete seine Karriere im Oranje-Trikot, seiner zweiten WM-Teilnahme, 1978, verweigerte er sich; warum, hat er nie schlüssig erklärt.

Im selben Jahr, mit gerade 31 Jahren, beendete Cruyff seine Karriere, musste dann aber noch einmal als Spieler anfangen, weil er mit grandiosen Fehlinvestitionen sein komplettes Vermögen verloren hatte. Zum Glück. Denn ohne diese geschäftliche Pleite wäre der Fußballwelt der Trainer Johan Cruyff vermutlich vorenthalten geblieben. Zweimal holte er den Europapokal der Pokalsieger, sein größter Triumph als Trainer aber war der Gewinn des Landesmeisterpokals 1992 mit dem FC Barcelona. „Meine Mannschaft muss technisch das Spiel dominieren, nicht läuferisch“, hat Cruyff einmal gesagt. Nie ist er diesem Ideal näher gekommen als mit Barcas 92er Mannschaft. Günter Netzer hält sie noch heute für vorbildlich in Sachen Attraktivität: „Das war Schönheit, Dominanz, Tempo und große Klasse.“

Obwohl Cruyff nach einer Herzoperation seit nunmehr elf Jahren nicht mehr als Trainer arbeitet, ist sein Einfluss im internationalen Fußball nicht zu unterschätzen. Er arbeitet als Experte fürs holländische Fernsehen, berät Barcelonas Präsidium und wirkt vor allem im Hintergrund. Als Marco van Basten 2004 neuer Bondscoach der holländischen Nationalelf werden sollte, musste er Cruyff mit seinem Kotrainer van ’t Schip eine Art Antrittsbesuch in Barcelona abstatten. „Er hat durchscheinen lassen, dass er Vertrauen in uns hat“, berichtete van Basten nach dem Treffen. Seiner Ernennung zum Nationaltrainer stand fortan nichts mehr im Wege.

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