Sport : Image ist nicht alles

1860 München muss sich mit dem Abstiegskampf beschäftigen

Daniel Pontzen

München. Wer München regelmäßig im Auto Richtung Norden verlässt, kann den Fortschritt sehen. In Höhe Fröttmaning umzingelt eine Brigade Baukräne die künftige Arena der beiden großen Münchner Fußballklubs. In gut einem Jahr wird sie eingeweiht, ein Jahr später, beim Eröffnungsspiel der Fußball-WM, für einen Abend Mittelpunkt der Welt sein. Und wenn alles schief läuft, ist sie dann schon ein Jahr lang das wahrscheinlich schönste Zweitligastadion der Welt.

Es ist diese entsetzliche Vision, die derzeit Beunruhigung bei 1860 München hervorruft. Drei Punkte trennen Sechzig von einem Abstiegsplatz, beängstigend ist der Trend: Von den letzten zehn Spielen konnte 1860 nur eines gewinnen. Im Vorgriff auf eine Trainerdiskussion hat Karl-Heinz Wildmoser nun seinen Abtritt in Aussicht gestellt. „Ich klebe nicht an meinem Stuhl“, hat er gesagt. Ehe er dem Wunsch nach einer Entlassung des Trainers nachkäme, werde er sich selbst zurückziehen. Das klingt wie eine Arbeitsplatzgarantie für Trainer Falko Götz, doch in München hält es kaum jemand für möglich, dass Wildmoser nach zwölf Jahren tatsächlich von seinem Hobby lassen kann.

Wie auch immer, Götz steht unter Druck. Der ehemalige Kurzzeit-Trainer von Hertha BSC ist in München mit dem Anspruch angetreten, sich als vollwertige Kraft auf dem Trainermarkt zu beweisen. Er ist mit großer Verve gestartet beim TSV 1860, den er im Überschwang der Übernahme als seinen „absoluten Traumverein“ bezeichnete. Er hat sich sehr bemüht, dem Verein Konturen zu geben; er hat ihm die oft behäbige Gemütlichkeit ausgetrieben und das familiäre Ambiente nach und nach durch eine professionellere Ausrichtung ersetzt. Im Mittelpunkt dieser Wandlung steht das Jugendkonzept, das ähnlich dem Stuttgarter Modell nicht nur als Resultat wirtschaftlicher Nöte verstanden wird, sondern als Profil bildende Maßnahme. Der ehrgeizige Einbau junger Spieler hat sich in der Realität der Bundesliga allerdings als risikoreich erwiesen. Den Verantwortlichen droht, dass ihr Festhalten am Nachwuchsförderungsprojekt 1860 als existenzgefährdender Jugendwahn entlarvt wird.

Es hat sich eine ungewohnte Situation ergeben: In den vergangenen Jahren mussten sich die Verantwortlichen vorwerfen lassen, die penetrante Pendelei zwischen Rang acht und zehn sei von imageschädigender Einfallslosigkeit. Dabei war 1860 neben Nachbar FC Bayern der einzige Klub der Liga, der nie ernsthaft in Abstiegsnot geriet. Der Nimbus ist nun eingebüßt, und diese Tatsache ist eine sehr missglückte Verwirklichung von Götz’ Ziel, 1860 die Langeweile auszutreiben.

Ein Vorwurf an Götz betrifft seinen Umgang mit den erfahrenen Spielern: Den früheren Kapitän Marco Kurz verbannte er nach einer starken Partie auf die Bank, wo zuletzt auch meist der aktuelle Spielführer Markus Schroth Platz nahm. Routinier Gerhard Poschner hat sich selbst aus der Mannschaft gespielt. Das heutige Spiel beim 1. FC Köln haben die Sechziger also vorsorglich als erstes Endspiel charakterisiert, und dessen Bedeutung hat Götz seiner Mannschaft via Medien ausrichten lassen: „Wenn es einen Spieler gibt, der jetzt nicht wachgerüttelt ist, dann soll er seine Sachen packen und sich einen anderen Klub suchen“, sagte Götz. „Dann möchte ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten.“ Was schade wäre, allein wegen des Stadions.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben