Sport : Immer Ärger mit der Lizenz

Das Lizenzierungsverfahren im deutschen Fußball gilt als vorbildlich – aber wie kann es sein, dass der 1. FC Kaiserslautern kurz vor dem Ruin steht?

Stefan Hermanns

Berlin. Sechs Stunden sitzen sie zusammen. Köpfe rauchen. Am Ende geht es nur noch um Sekunden. Bis Mitternacht muss der SV Wilhelmshaven die Lizenzunterlagen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Frankfurt einreichen, um auch in der neuen Saison in der Regionalliga zu spielen. Der DFB ist offensichtlich so nervös wie die Runde, die sich im Büro von Harald Naraschewski eingefunden hat. Schon am Nachmittag ist der erste Anruf aus Frankfurt gekommen. Ob denn noch Unterlagen kämen. „Ich hoffe“, hatte Naraschewski geantwortet, der Rechtsanwalt und Notar, der das Insolvenzverfahren des SVW abwickelte. Am Ende – es ist kurz vor Mitternacht – kann die Runde aufatmen. Die letzte Bankbürgschaft liegt vor. Per Fax wird das fehlende Formular nach Frankfurt geschickt.

Sechs Tage später bekommt Naraschewski wieder einen Anruf vom DFB. Ihm wird mitgeteilt, dass Wilhelmshaven keine Lizenz erhalte, dass stattdessen der Absteiger Fortuna Düsseldorf weiter in der Regionalliga spielen dürfe. „Da bin ich vom Stuhl gefallen“, sagt Naraschewski.

So entstehen Verschwörungstheorien

Wann immer der DFB sich genötigt sieht, die sportlichen Kriterien zu ignorieren, gibt es Vorwürfe und Verdächtigungen. Das war schon 1965 so, als Hertha BSC als erster Verein aus der Bundesliga ausgeschlossen wurde, und das war in diesem Sommer nicht anders, als Eintracht Frankfurt die Lizenz entzogen bekam, sie aber später wieder erhielt. „Das Lizenzierungsverfahren ist praktisch gegenstandslos“, sagte daraufhin Engelbert Kupka, Präsident der Spielvereinigung Unterhaching, die anstelle Frankfurts in die Regionalliga abstieg. „Jede Manipulation wird gedeckt.“ So entstehen Verschwörungstheorien. Ungereimtheiten sind schnell gefunden – wenn man sie finden will, auch im Fall der Frankfurter Eintracht. In Frankfurt hat der DFB seinen Sitz, das Waldstadion ist Spielstätte der WM 2006 und wird gerade für 126 Millionen Euro umgebaut. Am 3. Juli wurde der Lizenzentzug für die Eintracht rückgängig gemacht. Zwei Tage zuvor waren die DFB-Oberen von der WM in Asien nach Deutschland zurückgekehrt. Zufall? Selbst Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der DFL, sprach von einer „Niederlage für den Fußball. Das ist ein Rückschlag für das gesamte Lizenzierungsverfahren“.

Natürlich zählen nur objektive Kriterien. Welcher Verein die Lizenz erhält, ist in den Lizenzierungsvorschriften der Lizenzierungsordnung im Ligastatut des Ligaverbandes festgelegt. Entscheidend ist, dass jeder Klub den „Nachweis seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“ erbringt, das heißt: Der Ligaverband hat darauf zu achten, „dass der jeweilige Bewerber die kommende Spielzeit wirtschaftlich durchstehen kann“. Das deutsche Verfahren gilt als vorbildlich, sogar der europäische Fußballverband orientiert sich daran. Am Europapokal dürfen künftig nur noch die Vereine teilnehmen, die von der Uefa eine Lizenz erhalten haben. Doch selbst das beste Lizenzierungsverfahren kann nicht verhindern, dass Vereine über ihre Verhältnisse leben. Wenn die 18 Bundesligavereine im Frühjahr die Unterlagen für die nächste Saison einreichen, werden ihre Schulden binnen eines Jahres von 480 Millionen auf 600 Millionen Euro gestiegen sein. Der Zweitligist 1. FC Union hatte kürzlich noch erklärt, dass er die Spielzeit wirtschaftlich nicht durchstehen könne. Erst jetzt, da fast alle Spieler auf einen Teil ihrer Gehälter verzichten, ist die Etatlücke gedeckt.

Geprüft wird nur, was eingereicht ist

Zu einem großen Teil hängt die Misere mit den Folgen der Kirch-Krise zusammen, doch im Fall des 1. FC Kaiserslautern reicht der Ausfall der Fernseheinnahmen als Erklärung nicht aus. Seitdem René Jäggi beim FCK die Geschäfte führt, sind immer neue Details über die Finanzsituation des Klubs an die Öffentlichkeit gelangt. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand liegen die Schulden bei 30 Millionen Euro. Trotzdem hat der FCK ohne Probleme die Lizenz erhalten. „Nach den Unterlagen zu urteilen, die uns vom Verein im März für diese Saison vorgelegt wurden, konnten wir eine vorbehaltlose Lizenz erteilen“, sagt Christian Müller, der für das Verfahren zuständige Geschäftsführer der DFL.

In den Unterlagen waren die Kosten für den Umbau des Fritz-Walter-Stadions nicht aufgeführt – offensichtlich musste der FCK das auch nicht, obwohl bereits im März klar war, dass die Baumaßnahme im Mai beginnen würde. Eine Lücke in den Statuten machte dies möglich. Sportrechtler sehen dadurch sogar das ganze Verfahren als gut funktionierendes und seriöses Lizenzierungssystem in Frage gestellt.

„Ein Prüfer kann immer nur das prüfen, was eingereicht wird“, sagt Jürgen L. Born, der Präsident des SV Werder Bremen. Das ist das Problem. Jeder Verein beauftragt mit der Bilanzerstellung seinen eigenen Wirtschaftsprüfer. Selbst der FCK hat das Testat erhalten, sämtliche Finanzgeschäfte ordnungsgemäß abgewickelt zu haben. Born fordert, dass dieses Verfahren für alle Vereine vereinheitlicht wird. Die Liga solle nur noch ein Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen beauftragen, das die Daten aller Klubs in anonymisierter Form erhalte und nach Schema F vorgehe. „Alle werden über einen Kamm geschoren“, sagt Born.

Genau dieses Gefühl haben viele nicht. Und vermutlich wird sich daran nichts ändern, solange die Kontrolleure sich selbst kontrollieren. Die abschließende Entscheidung über die Lizenzerteilung fällt im Vorstand des Ligaverbandes, und der wiederum wird von den Vertretern der Vereine gebildet. Das fördert die Entstehung von Gerüchten.

Damals, im Juni 2001, ging es beim SVW um zehn Minuten. Das letzte Blatt der Lizenzunterlagen kroch um 0.10 Uhr beim DFB aus dem Fax. Zehn Minuten zu spät. Eine läppische Verspätung, wenn man bedenkt, dass erst am Wochenende der Hauptsponsor abgesprungen war und der Verein innerhalb von wenigen Tagen eine Finanzlücke von 500 000 Mark schließen musste. „Wer erst fünf Minuten vor Ende der Frist die Unterlagen faxt, hat fahrlässig gehandelt“, verkündete hingegen Theo Zwanziger, der Vorsitzende des Lizenzierungsausschusses.

Naraschewski bestreitet gar nicht, dass das Fax zu spät angekommen ist, aber er hat mit mehr Augenmaß beim DFB gerechnet. Deshalb sah er auch überhaupt keine Veranlassung, „da rumzutricksen“, schließlich „wäre es ein Leichtes gewesen zu behaupten: Das Fax hat nicht funktioniert.“ Andere Vereine hatten in dieser Hinsicht weniger Skrupel. Der 1. FC Union zum Beispiel schickte 1994 eine gefälschte Bankbürgschaft an den DFB – und wurde erwischt. Vielleicht wäre der SVW rechtzeitig fertig geworden, wenn bei der entscheidenden Sitzung nicht so oft das Telefon geklingelt hätte, wie Naraschewski erzählt.

Wir faxen den ganzen Kram noch mal

Um 21 Uhr meldet sich der DFB zum zweiten Mal an diesem Tag: „Kommt noch was?“ Zwei Stunden später klingelt es erneut, und um zehn vor zwölf – beim vierten Telefonat – fragt der Anrufer aus der DFB-Zentrale, ob er jetzt nach Hause gehen könne. Zwei Minuten später sind – bis auf die letzte Bankbürgschaft – alle Punkte abgearbeitet, ein Mitarbeiter von Naraschewski faxt die fertigen Unterlagen nach Frankfurt, um 23.56 Uhr wird der Eingang bestätigt. Wenig später klingelt wieder das Telefon, doch am anderen Ende der Leitung meldet sich niemand. Wer, wenn nicht der DFB, soll um diese Zeit in der Kanzlei anrufen, fragt sich Naraschewski.

Als auch die letzte Bankbürgschaft vorliegt, lässt Naraschewski beim DFB anrufen, um Bescheid zu geben, dass die fehlende Unterlage jetzt komme. „Wir haben ja gedacht: Oh Gott, jetzt läuft der weg“, erzählt Naraschewski. In Frankfurt sagt der Mitarbeiter, ein Fax sei angekommen, aber da fehle ein Blatt. Da ist es noch vor Mitternacht. Die Wilhelmshavener sagen: Wir faxen den ganzen Kram jetzt noch mal. Als die letzte Seite ankommt, ist es nach Mitternacht. „Jetzt ist alles da“, sagt der Mann beim DFB, „aber jetzt ist es zu spät.“

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